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Abschied von Ruedi Reich

Bewegende Trauerfeier für alt Kirchenratspräsident Ruedi Reich im Grossmünster Zürich

Rund 700 Trauergäste haben am Mittwoch in einem bewegenden Gottesdienst im Grossmünster Abschied von Ruedi Reich genommen, der am vorletzten Sonntag 67jährig verstorben ist. Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter aus Kirchen, Religionsgemeinschaften, Politik und Kultur erwiesen dem langjährigen Kirchenratspräsidenten der reformierten Landeskirche die letzte Ehre.

Gottfried Locher, Präsident des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK, ging sogleich aufs Ganze und rief in die Kirche: «Wir tragen heute einen reformierten katholischen Bischof zu Grabe.» Locher berief sich dabei auf ein wörtliches Verständnis des Begriffs als Wächter, Aufseher und meinte, Ruedi Reich sei ein solcher Wächter über Wort und Tat seiner Kirche gewesen, aber nicht im Blick auf äussere Macht, sondern auf die innere Kraft. «Ganzheitlich verstandene Katholizität war ein Markenzeichen von Ruedi Reich», sagte Locher. Und er rief in Erinnerung, dass Ruedi Reich die treibende Kraft hinter dem entsprechenden Passus in der neuen Kirchenordnung gewesen war.

Alt Regierungsrat Markus Notter würdigte Ruedi Reich als den wichtigsten Partner des Kantons bei den Fragen rund um die Organisation des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat: «Er hat die Zürcher Kirche über Jahre hinweg glaubhaft, engagiert und mit grosser Weitsicht vertreten. Der Kanton Zürich verdankt ihm viel.» Zudem betonte Notter, dass er Ruedi Reich im Laufe der Zusammenarbeit als «warmherzigen und humorvollen Menschen» kennen- und schätzengelernt hat: «Ich habe in der Begegnung mit Ruedi Reich die Erkenntnis gewonnen, dass sich die Ernsthaftigkeit religiöser Überzeugung auch misst an der Fähigkeit zu einem humorvollen Umgang mit ihr.»

Weihbischof Peter Henrici ging in seiner Würdigung auf den Ökumeniker Ruedi Reich ein, mit dem zusammen er 1997 einen Ökumene-Brief veröffentlicht hat, der insbesondere durch die Worte «…dass das, was uns verbindet, viel mehr ist, als das, was uns trennt» weitherum bekannt geworden ist. Henrici sagte, dass Ruedi Reichs «Einsatz für die Ökumene kein aufgesetztes Obendrein war, sondern seinem tiefsten Verständnis des christlichen Glaubens entsprach». Er sei aber kein verkappter Katholik gewesen, sondern tief im reformierten Glauben verankert: «Fraglose Verwurzelung in der eigenen konfessionellen Tradition zugleich mit verständnisvoller Anerkennung anderer Positionen und mit dem lebendigem Bewusstsein des gemeinsamen christlichen Erbes: Das ist zweifellos die beste, ja die notwendige Voraussetzung für ökumenische Zusammenarbeit.»

Kirchenratspräsident Michel Müller schliesslich wies darauf hin, dass es Ruedi Reich bei all seinem Wirken für und seinen Verdiensten um die Kirche «nicht um diese selbst ging, sondern um das, was die Kirche zu dem macht, was sie ist: Christus». Ruedi Reich sei durch und durch Pfarrer geblieben, der das Evangelium verkündet hat und der als Seelsorger den Menschen nahe gewesen ist. «Die Zürcher Kirche verliert ein Gesicht, das weitherum bekannt war und das sie glaubwürdig repräsentierte». Umso mehr sind die Brücken der Verständigung, an denen Ruedi Reich gebaut hat, für Müller auch eine Verpflichtung für die Zukunft: «Von der Erinnerung an Ruedi Reich werden wir im Glauben ermutigt, diejenigen Schritte im Leben und im Glauben, in Gesellschaft und in Kirche zu gehen, die uns aufgetragen sind, wo immer wir hinberufen werden.»

In der Predigt ging Pfarrer Christoph Sigrist, der den Gottesdienst leitete, von einem Bibeltext aus der Apostelgeschichte aus, den Ruedi Reich noch selber bestimmt hatte: die Befreiung des Paulus und des Silas aus dem Gefängnis. Christlicher Glaube bewegt, zitierte Sigrist Ruedi Reich. Christlicher Glaube, wie ihn Ruedi Reich verstanden und gelebt habe, nicht als allgemeine Religiosität, sondern als Christusglaube. Dieser führe zu offenen Türen, aber mitunter auch ins Gefängnis und in die Ausweglosigkeit. Auch Ruedi Reichs Krankheit könne als etwas verstanden werden, das einen gefangen hält. Was hinausführe, sei das Gebet, das Vertrauen auf Christus. In den Worten von Ruedi Reich: «Wie immer ich dran bin, es gibt eine offene Tür.»

 

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Lebenslauf von Ruedi Reich

Ruedi Reich wurde 1945 geboren. Nach seinem Theologiestudium wirkte er von 1972 bis 1993 als Gemeindepfarrer in Marthalen. 1973 erfolgte seine Wahl in die Kirchensynode und 1983 in den Kirchenrat.

1993 wurde er zum Kirchenratspräsidenten der reformierten Landeskirche gewählt. Während 17 Jahren stand er der Zürcher Kirche vor.

Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit war die Neuregelung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat, die mit der Annahme des kantonalen Kirchengesetzes 2010 ihren Abschluss fand. Wesentlich mitgeprägt hat er auch die neue Kirchenordnung der Landeskirche.

Ein besonderes Anliegen war ihm, theologisch und praktisch, auch die Ökumene. Er pflegte freundschaftliche Beziehungen mit der katholischen Kirche und setzte sich aktiv für gemeinsame, ökumenische Projekte wie das Flughafen- und das Bahnhofpfarramt ein. Er gründete zudem den Interreligiösen Runden Tisch, der der Verständigung unter den verschiedenen Religionsgemeinschaften dient.

Bei der Diskussion um die zukünftige Gestalt der Kirche verwies er oft auf die wegweisenden Impulse von Huldrych Zwingli und Heinrich Bullinger. Dieses theologische Erbe sei neu zu überdenken und für die heutige Zeit fruchtbar zu machen.

Er stellte sich aber auch der dunklen Seite der Reformation: der damaligen Täuferverfolgung. Bei einem Versöhnungstag mit den Nachfahren der Täufer nannte er die Täuferverfolgung aus heutiger Sicht „einen Verrat am Evangelium“.

Bis zu seinem krankheitsbedingten Rücktritt im Herbst 2010 führte er dieses Amt mit grosser Leidenschaft und Liebe zu seiner Kirche, deren glaubwürdige Präsenz in der Gesellschaft ihm ein Anliegen war.

2005 bekam Ruedi Reich die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Zürich verliehen und 2008 die silberne Ehrenmedaille des Zürcher Regierungsrates.

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