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Das Buch "Ansichtssache" kann beim TVZ Verlag www.tvz-verlag.ch oder im Buchhandel bestellt werden.

 

 


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111 Lehnert

Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riss, / ist meiner Seele nah, sooft ich ihn vermiss.

Christian Lehnert; Windzüge, 2015.

Das reimt sich. Das läuft. In ungereimter Zeit bildet hier einer Reime und Füsse, als wären Bindungen und Verse nicht schon längst weggelaufen. Ungefähr seit hun­dert Jah­ren haben sie sich davon gemacht.

Hier aber sind sie plötzlich wieder da. In beiden Versen zweimal drei Jamben und eine Zäsur in der Mit­te: So tänzelt bei den Griechen Jambé, Dienerin im Hause Eleu­sis, um Demeter, die sich aus Trauer um ihre verschwundene Tochter dort ver­birgt, so tänzelt eine Magd, um eine Göttin zu erheitern. Wie bei den Hebräern einst David, der junge Hirte, vor Saul, dem alten König, sang und spielte, um ihn aus den Abgrün­den seiner Schwermut zu ho­len. Hier ist er auf einmal wieder da: der Reim, der die beiden Verse bindet, stumpf zwar, aber zischend mit einem scharfen S.

Zwei Verse zum Auswendiglernen in reizüberfluteter Zeit, ein Epigramm, so reduziert und stilisiert wie aus dem Cherubinischen Wandersmann des Angelus Silesius, nur dreihundertfünfzig Jahre später. Eine Aufschrift, vielleicht auf einen Kenotaph, das lee­re Grab eines inzwischen verschwundenen Gottes, das Scheingrab für einen grossen Abwesenden. Ein Sinngedicht auf einen, dessen Sinn im Freihalten einer Leerstelle besteht.

Um Gott geht es. Um einen, der, ungeachtet, ob es ihn gibt oder nicht gibt, Spuren hin­ter­lässt wie ein vorbeigezuckter Blitz auf der Iris des Schauenden. Gibt es den Blitz? Klar doch, nur bleibt er nie und ist kaum abzulichten. Gott, der Ungegebene, Gott, die dunkle Spur. Um einen geht es, der, unge­fragt, ob ein Betroffener das will oder nicht, ihn reisst wie ein vorbeiziehender und schon wieder abgezogener Pan­ther. Gibt es den Panther? Klar doch, nur ist er schnell weg und kaum zu fassen. Gott, der Riss, Gott, das Raubtier. Um Gott geht es, den es nicht gibt, wie Dinge ge­geben sind zu Gebrauch oder Verzehr, der nicht nah ist, wie Menschen nah sind für Hilfe oder Trost. Der nicht gefällig oder ungefällig ist.

In Gestalt eines klassischen Epigramms, mit Jamben und Zäsuren, mit Reim und ja, sogar mit einem Chi­asmus: weg-da-da-weg, in Gestalt einer uralten Aufschrift also, wie einst Si­lesius sie geprägt hat, zeichnet Christian Lehnert heute den auf abwesen­de Weise anwe­senden und auf anwesende Weise abwesenden Gott. Ein dunkler Riss ist er, eine al­te Narbe, ein Einschnitt tief hinein in die Existenz des Menschen, aber eine schrei­en­de Leerstelle. Gott, der Keno­taph des Daseins. Jedes? Der Seele nah ist er, ein ewiges Versprechen, der Immanuel der Testamente, aber nah nur im Vermissen. Gott, die Sehnsucht des Daseins. Jedes?

Dieser Gott ist alles andere als pflegeleicht. Er ist weder einfach gegeben noch ein­fach dienst­bar. Er ist keine Ausgeburt menschlichen Wollens. Er füllt keine Lücke, sondern schafft eine. Diesen Gott hat sich keiner ausgedacht, um das Leben leichter und erträglicher zu machen. Er ist kein Popanz und keine Phantasmagorie. Dieser Gott ist souverän wie Blitz und Panther.

Was er hinterlässt, der Schöpfer in seinem Geschöpf, ist Religion: Diese unlösbare Bindung an einen Unverfügbaren, der kommt und geht. Da-weg-weg-da. Diese un­stillbare Sehnsucht der Seele nach seiner Nähe. Diese lebenslängliche Unruhe. Der ab­wesend Anwesende und anwesend Abwesende, dieser dunkle Riss, oft kaum er­träg­lich, der ist hier Gott, jenseits von Gefälligkeit und Devotion.

Selbst die verfassten Religionen und ihre Institutionen haben seit eh und je ihre liebe Mühe mit diesem Gott. Er fügt sich nicht ins System. Er ist souverän.

111 im Netz / 106 im Buch 3 / 31.1.17

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112 Puig

Es stimmt, dass du hier verrückt werden kannst, aber verrückt wird man nicht nur da­durch, dass man verzweifelt, sondern auch dadurch, dass man sich der Wirklichkeit entfremdet – wie du. Was du tust, nämlich an schöne Dinge denken, wie du sagst, das kann gefährlich sein. / Warum? Das stimmt nicht. / Es kann eine Sucht werden, sich aus der Wirklichkeit fortzustehlen, wie eine Droge. Denn, hör zu, deine Wirklich­keit ist nicht nur diese Zelle. Du brauchst nur irgendetwas zu lesen oder zu studie­ren, und schon bist du ausserhalb der Zelle, verstehst du?

Manuel Puig, Der Kuss der Spinnenfrau; spanisch 1976.

Zwei Männer in Buenos Aires. Beide sitzen. Knast. Molina ist ein Homosexueller, Va­len­tín ein Marxist. Sie teilen sich die Zelle. Ihre zwangsläufig gemeinsame Zeit hat nicht Anfang noch Ende. Nichts passiert. Sie können nur erzählen und zuhören. So hat der Roman auch kei­nen Plot, sondern ist eine Montage. Keine neuen Erzähl­fä­den ziehen sich durch, son­dern alte Filmszenen reihen sich zu Kapiteln. Ein Patch­work aus Nacherzählung und Filmgespräch.

Manuel Puigs bekanntester Roman entstand nicht in Argentinien, sondern in México. Dorthin war er nach Drohanrufen geflohen. Im März 1976 musste Isabel Perón zu­rück­treten. Eine faschistische Militärjunta riss die Macht an sich und hielt sie gewalt­sam aufrecht bis 1983. Schon vorher gab es inoffizielle Todesschwadronen. Nun ver­folg­ten sie erst recht alle, die nicht ins rechts­na­tionale Schema passten: Linke und Ge­werkschaftler, Kulturschaffende und Jour­na­listen, Homosexuelle sowieso. Ge­heim­gefängnisse entstanden, Folterkammern, Lager. Tausende ver­schwan­­­den für im­­mer. Die Zahl der Desaparecidos wird auf dreissigtausend ge­schätzt. Puigs Ro­man erschien just zu Beginn dieser schwarzen Zeit Argentiniens.

In Molina spiegelt sich Puigs Biographie. Von Kindesbeinen an hatte er eine Liebe zum Film. Als 4jähriger schon durfte er mit seiner Mutter ins Kino. Als 10jähriger lern­te er autodidaktisch Englisch, um die amerikanischen Filme besser zu verstehen. Als 24jähriger studierte er an der Filmhochschule in Rom. Puig bekannte sich zu sei­ner Ho­mosexualität und riskierte in einer Gesellschaft, die nach wie vor vom ma­chis­mo ge­prägt ist, als maricón diffamiert zu werden, was dieselbe Qualität hat wie Arschloch oder Schwuchtel.

Hier nun treffen sich der schwule Filmfan, der Filme der Dreissiger und Vierziger aus dem Gedächtnis nacherzählt, und der engagierte Marxist, der ihm verwundert und überfordert, kritisch und empathisch zuhört. Valentín interessiert sich als Marxist für die Wirklichkeit, und er sorgt sich um seine Entfremdung von ihr, die umso grösser wer­den könnte, je länger er sich in die Phantasiewelten vergangener Filme entführen lässt. Eine interessante Diskussion darüber entsteht, was Wirklichkeit ist. So oder so ist sie zum Verrücktwerden, ob man beim reinen Eingesperrtsein und Nichtstunkön­nen bleibt oder sich in Phantasiewelten fortstiehlt, die allmählich Wirklichkeits­charak­ter erlangen. Der Eskapismus als Sucht, der Film als Droge, das Erzählen als Ver­rücktheit?

Puig tut nichts anderes, als viele Kulturvölker in den Krisen ihrer Geschichte getan ha­­ben: sich in Zeiten eigener Unterdrückung alte Geschichten zu erzählen. Im Alten Te­sta­ment etwa Geschichten von der bauernschlauen List der Unterlegenen, von Ehud und Eglon (Ri 3,12-26) oder David und Goliat (1Sam 17,1-51). Geschichten ei­ner an­deren Wirklichkeit? Nein, Geschichten einer anderen Möglichkeit in derselben Wirk­lich­keit. Geschichten, die den Eskapismus zur Renaissance nutzen, die Flucht zum Aufbruch, die Entfremdung zur Erneuerung. Der Knast als erwungenes Timeout für die Wiedergeburt danach. Wie gut, wenn man was zu erzählen hat! Wie gut!

112 im Netz / 107 im Buch 3 / 31.1.17

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