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Wurstessen

Wurstessen - das Fastenbrechen 1522

Am ersten Sonntag der vorösterlichen Fastenzeit (9. März 1522) wurde im Hause des Druckers Christoph Froschauer Wurst gegessen. Damit wurde das geltende Fastengebot bewusst und in provozierender Weise gebrochen - obwohl im stillen Kämmerlein sich wohl auch sonst längst nicht alle Bürger Zürichs an das kirchliche Fastengebot hielten. Zwingli war anwesend (gibt es Zufälle?), soll aber am Wurstessen nicht teilgenommen haben. Froschauer und seine Mitarbeiter seien so beansprucht gewesen, um ein Buch für Erasmus von Rotterdam bis Ostern noch ganz dringend nach Frankfurt zu liefern, dass sie vom "Mus" allein nicht satt geworden seien. Dies hat wohl als faule Ausrede zu gelten, vielmehr ging es darum, auf dem Hintergrund von Zwinglis Predigten die evangelische Freiheit zu demonstrieren und sich im reformatorischen Sinne über alles sogenannt nicht Biblische hinwegzusetzen.

Der Rat von Zürich (nicht die Kirche) ordnete sofort eine Untersuchung über das Fastenbrechen an, als das Wurstessen publik wurde! Zwei Wochen später nahm Zwingli in seiner Predigt zum Fasten Stellung, deren Text dann bereits am Gründonnerstag im Druck erschien: "Vom Erkiesen und Fryheit der Spysen". So wurde der Fastenbruch ein öffentliches Thema: Befürworter und Gegner der Fastengebote beschimpften sich nicht nur, sondern verprügelten sich auch, und Zwingli sollte gar entführt werden.

Der Grosse Rat verurteilte zunächst den Fastenbruch. Geradezu revolutionär bzw. reformatorisch hochbrisant war aber seine Entscheidung als weltliche Behörde, in der Fastenfrage nur noch gelten zu lassen, was die Bibel dazu erlaubt bzw. verbietet.

Ein Jahr später wurden alle Fasten-Gesetze aufgehoben. Der Rat hatte damit in eigener Entscheidung Zwinglis Schriftprinzip übernommen, akzeptierte die Bibel (in Zwinglis Auslegung!) also als alleinige Grundlage für sein kirchenpolitisches Handeln, womit die ganze Tradition der bisherigen Kirche beiseite geschoben wurde! Das Wurstessen bei Froschauer wurde dadurch ein wesentlicher Baustein der Reformbemühungen Zwinglis.

Matthias Reuter (bearbeitet)

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