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Wirkung Zwinglis

Wirkung Zwinglis - eidgenössisch und allgemein

Zwinglis Wirken als Zürcher Reformator beeinflusste auch die kirchenpolitischen Verhältnisse in anderen Gebieten der Eidgenossenschaft.

Bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts bildete die christliche Kirche in Westeuropa – wenn auch von Glaubensstreitigkeiten nicht verschont – eine Einheit. Durch den Ablasshandel kamen die Kirchen und Klöster zu grossem Reichtum und Macht. Zwingli übersetzte die Bibel ins Schweizerdeutsche und zeigte damit dem einfachen Kirchenvolk, dass Gott von seinen Gläubigen nie verlangt hatte, dass sie ihre Sünden mit Geld abgelten sollen. Unter dem Einfluss Zwinglis wurde der Ablasshandel in Zürich abgeschafft und die Geistlichen verpflichtet, sich in ihren Predigten ausschliesslich nach der Bibel zu richten.

Nach dem Durchbruch der Reformation in Zürich regten sich auch in anderen Teilen der Eidgenossenschaft Bestrebungen zur Erneuerung der Kirche. Bern wie auch andere bislang katholische Orte schlossen sich dem neuen reformierten Glauben an. Es kam zu grossen kirchenpolitischen Umwälzungen. Zwingli, der unter anderem auch den Zölibat (Eheverbot für Priester) aufgehoben hatte, wurde von den katholischen Glaubensführern, die am alten System festhalten wollten, als Ketzer verschrieen.

Die Folge waren Glaubenskriege an verschiedenen Orten der Eidgenossenschaft und schliesslich die Spaltung der bisher einheitlichen Kirche in eine katholische und eine reformierte Kirche. In wieweit Zwingli allein dafür verantwortlich zu machen ist, lässt sich heute schwer sagen. Es gab neben Zwingli auch andere einflussreiche Persönlichkeiten, die sich für die Reformation einsetzten. Als feuriger, redegewandter Kirchenkritiker, Geistlicher und Politiker nahm Zwingli auf jeden Fall eine Vorreiterrolle ein.

Rea Rother 2.7.99

1.Wie war die Beziehung zum "Ausland"?
Die Beziehungen Zürichs zum Ausland waren äusserst vielfältig, sowohl auf religiösem als auch auf politischem Gebiet. Allein schon Zwingli stand mit zahlreichen Humanisten und Anhängern der Reformation in brieflichem Kontakt und hatte so sein eigenes Netzwerk. Die ausgedehnte Korrespondenz war das Internet von damals. Die vielen Briefe des Zürcher Reformators an Personen in Konstanz (z.B. Ambrosius Blarer), in Strassburg (Martin Bucer, Wolfgang Capito), in Augsburg (Urban Rhegius) und in vielen anderen Orten zeigen, wie enorm der gedankliche Austausch war; es wurden die unterschiedlichsten, sehr oft natürlich theologische Themen diskutiert.
Zu seinen engsten Mitarbeitern gehörten übrigens auch Ausländer: Leo Jud aus dem Elsass zum Beispiel, Pfarrer in der Kirche St.Peter, oder Zwinglis Verleger Christoffel Froschauer aus Bayern. Nach dem Tod des Zürcher Reformators nahm die Zahl der Ausländer besonders zu, als Glaubensflüchtlinge vor allem aus Italien in der Limmatstadt Asyl fanden.

Unter den politischen Beziehungen Zürichs zum Ausland stechen für jene Zeit besonders zwei Bündnisse hervor: Das „christliche Burgrecht“, mit welchem sich nebst den evangelischen Städten der Eidgenossenschaft Konstanz, Mülhausen und Strassburg gegenseitig militärische Hilfe zusicherten, falls ein Ort durch die Katholischen in Bedrängnis geraten würde.
Und das „christliche Verständnis“, ein Bündnis mit dem Landgrafen Philipp von Hessen. Man sieht, dass Zürich (wie auch die anderen Kantone damals) nebst der eidgenössischen auch eine eigene, kantonale Aussenpolitik verfolgte.

2. Reaktionen der Kantone:
Schon kurz nach den ersten reformatorischen Ereignissen in Zürich gab es vielerorts Anhänger der neuen Lehre. In manchen Orten nahm ihre Zahl in allen Schichten (bei den kleinen Leute, den Priestern und den Ratsmitgliedern) rasch zu. Dort vermochte sich die Reformation noch in den 1520er Jahren durchzusetzen, nämlich in St. Gallen, Schaffhausen, Chur, Basel, Bern und Biel sowie in einzelnen Gegenden (Toggenburg, mehrere Appenzeller Gemeinden usw).

Hingegen griff die Führungsschicht in Luzern zu repressiven Massnahmen, um die reformatorische Bewegung unter den kleinen Leuten und den Priestern zu unterdrücken. Mit Strafen, z.T. Hinrichtungen und Verbrennungen, wurde dort einer Reformation den Boden entzogen.
Freiburg i.Ue. verbrannte nicht die Menschen, sondern nur die reformatorischen Bücher, während es die Anhänger der neuen Lehre in die Verbannung schickte.
In anderen Kantonen wie in Uri, Nid- und Unterwalden gab es wahrscheinlich kaum evangelische Einflüsse.
In der französischen und italienischen Schweiz entstanden erst etwas später evangelische Strömungen: Im Welschland vermochte sich die Reformation in vielen Städten zu etablieren, im Gegensatz zum Tessin, wo die Protestanten zur Auswanderung gezwungen waren.

4. Sozialpolitische Folgen:
Sozialpolitisch ragt besonders die innovative Armenfürsorge der Reformation hervor. Mit der „Almosenordnung“ von 1525 wurde die öffentliche Sozialfürsorge völlig neu organisiert. Bisher galten die Spenden an die Bettler als gute Werke, womit man sich Gottes Gnade sichern konnte. Da die Reformation diese „Versicherung“ der eigenen Seele verwarf, wurde in Zürich das Betteln verboten. Dem christlichen Gebot, den Armen zu helfen, sollte stattdessen mit der neuen Armenfürsorge entsprochen werden. In der genannten Almosenordnung heisst es: „Als erste Massnahme, um die armen Leute von der Gasse wegzubringen, ist als Anfang vorgesehen, dass jeden Tag im Dominikanerkloster ... Mus und Brot verteilt [werden soll].“

Ausser mit der Armenküche wollte man den (arbeitslosen) Armen mit einer Art Beschäftigungsprogramm helfen; diese Idee, die ehemaligen Bettler in den normalen oder in einen alternativen Arbeitsprozess zu integrieren, war ebenfalls neu.

Zwingli respektierte das Eigentum als eine Art notwendigen Übels in der sündigen Welt und lehnte auch den Reichtum nicht generell ab, sondern nur die unrechtmässigen Reichtümer, die nicht mit gutem Gewissen angehäuft wurden. Der Reichtum hat bei ihm nicht den Zweck, ihn zu geniessen oder zur Schau zu stellen, sondern er soll dem Nächsten, dem Armen, zugute kommen. „Gott hat uns geheissen den Reichtum denen zu geben, die Mangel leiden. Du bist schuldig, den zweiten Rock dem Bedürftigen zu geben und ebenso Speise und andere notwendige Dinge mit ihm zu teilen.“, schrieb Zwingli zwei Jahre bevor das neue Armengesetz erlassen wurde.

5. Bildersturm und die Reaktionen:
Als der führende Kopf der katholischen Opposition in Zürich, der Geistliche Konrad Hofmann, die Limmatstadt für immer verliess, war der Widerstand gegen Zwingli bedeutend geschwächt. Dies geschah zur Zeit, als die Frage, ob man die religiösen Bilder aus den Kirchen entfernen solle oder nicht, auf politischer Ebene verhandelt wurde.
Der Protest der verbliebenen „Altgläubigen“ gegen das Ausräumen der Kirchen blieb klein und wirkungslos. Joachim Amgrüth, ein städtischer Beamter und Gegner Zwinglis, räumte vor einer Ratskommission ein, dass man die „üppigen“ Bilder (im neuen Stil) entfernen möge, weil sie Ärgernis erregten. Jedoch solle man die ehrbaren Bilder, die zur Meditation geeignet seien, an ihrem Ort belassen.

In der katholischen Innerschweiz sah man in der Entfernung der Bilder aus den Kirchen einen Diebstahl von Kirchengut. Besonders der in Luzern wirkende Dichter und Prediger Thomas Murner beschuldigte Zwingli als Ketzer und Kirchendieb, der alles Heilige abschaffen und zerstören würde.

Abschliessend sei festgehalten, dass Zwinglis religiöser und sozialer Einfluss auf die Eidgenossenschaft beträchtlich war. In vielen Städten wurde die Reformation im Sinne Zwinglis durchgeführt.
Die politischen Pläne des Zürcher Reformators hingegen scheiterten:
1) Die Defensivbündnisse mit ausländischen Mächten blieben in der Praxis bedeutungslos und waren nur von kurzer Dauer.
2) Die politischen Führungsschichten folgten nicht Zwinglis Forderung, auf die einkömmlichen Kriegsgeschäfte (Solddienst) zu verzichten.
3) Zwinglis Vision einer re-formierten Eidgenossenschaft wurde nicht Realität, da die Reformation nicht überall durchgeführt wurde.
Die Trennung in einen protestantischen und in einen katholischen Teil stellte das Weiterbestehen der Eidgenossenschaft vorerst in Frage, da religiöser Konformismus bisher zur Grundlage des Gemeinwesens gehörte.

Ch. Scheidegger am 11. Mai 2001 (bearb.)

ZWINGLI UND DIE REFORMIERTE KIRCHE
Die lutherische Kirche verdankt ihren Namen dem grossen Reformator aus Wittenberg. Die reformierten Kirchen hingegen nennen sich primär nicht calvinistisch, auch wenn dieser Zusatz gelegentlich auftaucht. Was aber heisst „reformiert“? Die reformierten Kirchen stehen in der Tradition nicht allein Calvins, sondern auch Zwinglis und Bullingers (Zwinglis Nachfolger).

Die Reformation in der Schweiz begann in Zürich (ab 1523) und ist dort durch Zwinglis Predigttätigkeit ausgelöst worden. Schon bald reichte sein Einfluss über die Grenzen Zürichs hinaus. In vielen eidgenössischen und oberdeutschen Städten fand das verkündete Evangelium begeisterte Anhänger, die auf eine Reformation drängten. Auf diesen Druck hin führten die Stadtregierungen das reformatorische Programm durch, wobei das eingeführte Abendmahl, das neue Verhältnis von Obrigkeit und Kirche und die Gesetzgebung unter zwinglianischem Einfluss standen.

Nachdem Calvin in Genf zu wirken begonnen hatte, traten mit der Zeit die Gegensätze zwischen ihm und den evangelischen Kirchen der schweizerischen Eidgenossenschaft immer deutlicher zu Tage. Nach vielen Verhandlungen zwischen Zürich und Genf kam es mit dem CONSENSUS TIGURINUS von 1549 zu einer Übereinkunft in der Abendmahlsfrage; später unterzeichneten noch die anderen evangelischen Städte in der Eidgenossenschaft das „Zürcher Übereinkommen“. Dieses Dokument könnte man als die Geburtsurkunde der reformierten Kirche bezeichnen. Man sieht: Die reformierte Kirche ist aus der Tätigkeit sowohl Zwinglis und Bullingers als auch Calvins hervorgegenagen.

In vielen Gebieten Europas entstanden zu jener Zeit Kirchen, die mit Zürich und Genf in Kontakt standen und eine ähnliche Lehre und Organisationsstruktur hatten. Sie formulierten ihre eigenen, reformierten Bekenntnisse und sind heute in aller Welt anzutreffen.
Der reformierte Kirchentyp kennt keine Bischöfe, sondern ist mehrheitlich presbyterianisch-synodal organisiert: Die selbständigen Ortsgemeinden werden von Ältesten (Kirchenpfleger/Presbyter) geführt, während die Pfarrer regelmässig auf Synoden zusammenkommen. Einige halten an einer absoluten Autonomie der Ortsgemeinde fest (=Kongregationalismus) und lehnen daher die Synode ab.
Auch im Dogma, in der Liturgie und im Frömmigkeitstyp (Ethik) unterscheidet sich die reformierte Kirche von der lutherischen. Die verschiedenen reformierten Kirchen sind im reformierten Weltbund zusammengeschlossen und haben heute zusammen etwa 70 Millionen Mitglieder.

ZWINGLIS EINFLUSS
Nach dem Tod Zwinglis erfuhren seine Gedanken dank Heinrich Bullinger eine noch grössere Verbreitung. Es lassen sich Einflüsse in Frankreich , Österreich, Ungarn, England, Schottland, in den Niederlanden und in der Pfalz feststellen. Es wurden Bücher von Zwingli und Bullinger in die jeweiligen Landessprachen übersetzt und manchmal mit mehreren Auflagen gedruckt. Gäste aus diesen Ländern besuchten Zürich. Und Bullinger korrespondierte mit vielen Theologen in diesen Ländern, die von der Zürcher Reformation ganz begeistert waren.
Zürich blieb bis zum Tod Bullingers ein international anerkanntes Zentrum reformierter Theologie. Daher bezeichneten Gegner noch bis zum Ende des 16. Jahrhundert die reformierte Religiosität abschätzig als „zwinglianisch“ und nicht als „calvinistisch“.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ging jedoch der Zwinglianismus beinahe vollständig im Calvinismus auf. Die reformierte Orthodoxie konnte mit Zwingli nur wenig anfangen (er hatte nie eine systematische Theologie verfasst) und machte Calvin zu einer legendenhaften Riesengestalt.
Selbst in Zürich triumphierte Calvins Lehre von der doppelten Prädestination über die Erwählungslehre Bullingers und Zwinglis. Doch vermochte sich die Lehre Calvins nicht in allen Punkten durchzusetzen. Das Verhältnis zwischen Obrigkeit und Kirche ist in fast allen reformierten Gebieten so übernommen worden, wie es Zwingli gelehrt hatte.
Die Föderaltheologie (Lehre vom Bund Gottes) Zwinglis und Bullingers wirkte auf viele Theologen ein (zum Beispiel auf William Tyndale, Thomas Cranmer, im 17. Jh. auf Johann Coccejus) und entfaltete auch innerhalb des Calvinismus ihre Wirkung, indem sie die schroffe Prädestinationslehre abmilderte. Spuren der Föderaltheologie lassen sich sogar in der amerikanischen Verfassung entdecken.

Ch. Scheidegger am 14. März 2001 (bearb.)

Zwinglis heutige Bedeutung
Zwinglis heutige Bedeutung ist u.a. sichtbar an den in und ausserhalb Europas existierenden reformierten Gemeinden, die mittelbar auf ihn zurückgehen.

Vorweg eine Begriffsklärung: Der reformierte (nicht-lutherische) Protestantismus ist nicht auf Calvinismus beschränkt. Der reformierte Zweig des Protestantismus hatte seine Wurzeln in der deutschen Schweiz, in Zürich. Er begann mit Huldrych Zwingli, und Zürich blieb auch vor, neben und nach Calvin mit Heinrich Bullinger neben Genf das anerkannte Zentrum des reformierten Protestantismus.

VERBREITUNG:
Das Reformationswerk Zwinglis hat nicht nur die Schweiz geprägt. Es beeinflusst bis heute den Lebensstil und die gesellschaftlichen Verhältnisse weltweit, z.T. ohne dass uns dies bewusst ist. Die Zürcher Reformation prägte massgeblich die Entwicklung der Reformation nicht nur in der Eidgenossenschaft (selbst in Genf), sondern auch in Deutschland (Pfalz), in Polen, auf dem Balkan, v.a. aber in Frankreich, in Holland, England und Schottland - von da aus sehr bald in den [amerikanischen - TN] Kolonien. Das gilt in bezug auf Kirchenordnung, Bekenntnis, Liturgie und Theologie der "nach Gottes Wort reformierten" Kirchen wie in bezug auf ihre politischen, sozialen und ökonomischen Ideen. Das gilt auch in bezug auf das englische Staatskirchenrecht und den englischen und amerikanischen Puritanismus.

BULLINGER:
Der Nachfolger Zwinglis, Heinrich Bullinger (1504-1575), der fast ein halbes Jahrhundert lang der Zürcher Kirche vorstand, hat das Werk Zwinglis nicht nur fortgesetzt, sondern recht eigentlich gerettet. Noch 1531 schien Zwinglis Gedankengut zur Kleinst-Räumigkeit verurteilt. Aber schon 1536 gelangten seine Ideen ins französische Sprachgebiet (Waadt, Genf). Zuerst durch Farel, später durch Calvin erfuhr der reformierte Glaube dann auf diese Weise eine unerwartete Ausweitung. [Bullinger war es, der mit dem "consensus tigurinus" die inner-reformierte Spaltung verhinderte - TN; vgl. Sachthema "Bullinger"]

POLITIK / SOZIALES / ETHIK:
Nicht nur zur Entstehung der reformierten Theologie und Kirche, sondern auch zum politischen Denken hat Zwingli massgebliche Beiträge geliefert. Wie zahllose Gutachten zu politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Problemen belegen, arbeitete er (wie auch Bullinger) aufs engste mit den politischen Behörden zusammen. Als Pfarrer und Bürger in einer freien Stadt hatten sie grundsätzlich Sinn für Politik - in ganz anderer Weise als der ehemalige Mönch Luther und der Gelehrte Calvin, der in Genf zeitlebens ein Fremder blieb.

Von nachhaltiger Bedeutung ist also: Für Zwingli kann Religion nicht von Politik getrennt werden. Kirche kann nicht Kirche sein ohne Beziehung zur Politik oder ohne verantwortlichen sozialen Einsatz. Zwingli betonte auch das Zusammengehören von Rechtfertigung und Heiligung. Und dass Gelehrsamkeit nicht abgespalten werden darf vom praktizierten Glauben in seiner persönlichen und gesellschaftlichen Ausprägung. So erlangten die sozialen Verpflichtungen von Christen Gewicht (Ethik).

Anhaltende Bedeutung hat auch das demokratische Element in Zwinglis Reformation. Bei ihm noch auf den kirchlichen Bereich beschränkt, erwuchs später daraus politische Demokratie. Auch die Wurzeln der Schweizer Neutralitätspolitik können in der Reformationszeit gesehen werden.

SITTEN / DISZIPLIN:
Die Gesinnung in Zürich hat sich durch die Reformation nachhaltig verändert. "Aus der lebenslustigen und korrupten spätmittelalterlichen Stadt wurde ein sittenstrenges, puritanisches Gemeinwesen ... Fleiss und Rechtschaffenheit breiteten sich aus" (So jedenfalls Widmer). Wer will, kann noch im heutigen Zürich Folgen davon sehen.

GOTTESDIENSTFORMEN:
Zwingli prägte eine sich auch heute von der lutherischen unterscheidende Liturgie. Den bedeutendsten Unterschied im Gottesdienst stellt das Abendmahlsverständnis dar (s. Artikel "Abendmahl").

WORT / WISSENSCHAFTLICHE EXEGESE:
Für die reformierte Kirche war das Wort die bevorzugte Form der Kommunikation (vgl. Artikel "Predigt") und ist es bis heute geblieben. Sie hält jedoch immer weniger an der Bilderfeindlichkeit fest.

Als das wichtigste Element in Zwinglis Wirken kann die Auslegung und Verkündigung des Wortes Gottes betrachtet werden. Liegt bei Luther der Schwerpunkt auf der Rechtfertigung des Sünders, bei Calvin daneben auf der Heiligung, so entfaltete sich in der reformierten Tradition daneben die auf Zwingli und Bullinger zurückgehendende Konzentration auf die Schriftauslegung und die Aufmerksamkeit für alle Teile der Schrift gleichermassen. Dass bei der Schriftauslegung gründlich von sprachwissenschaftlichen Methoden Gebrauch gemacht wird, ist u.a. die Errungenschaft des Humanisten Zwingli. Die Zürcher Bibelübersetzung hat heute noch [- und wieder neu; Übersetzung 2006 - TN] Bedeutung (vgl. Artikel "Bibelübersetzung").

Wenn es auch schwierig sein mag, unmittelbare Nachwirkungen Zwinglis nachzuzeichnen, da sie mit denen Calvins und Bullingers zusammenfliessen, sollte doch diese Auswahl illustrieren, dass - auf welchen Wegen auch immer - einiges von seinem Gedankengut bis in unsere Zeit und Gesellschaft gelangt ist.

Literatur: Fritz Büsser: Die Prophezei, 1994; Gottfried W.Locher: Die Zwinglische Reformation, 1979; Sigmund Widmer: Zwingli, 1984.

C.Schnabel am 11. April 2000 (bearbeitet)

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Wurstessen

Wurstessen - das Fastenbrechen 1522

Am ersten Sonntag der vorösterlichen Fastenzeit (9. März 1522) wurde im Hause des Druckers Christoph Froschauer Wurst gegessen. Damit wurde das geltende Fastengebot bewusst und in provozierender Weise gebrochen - obwohl im stillen Kämmerlein sich wohl auch sonst längst nicht alle Bürger Zürichs an das kirchliche Fastengebot hielten. Zwingli war anwesend (gibt es Zufälle?), soll aber am Wurstessen nicht teilgenommen haben. Froschauer und seine Mitarbeiter seien so beansprucht gewesen, um ein Buch für Erasmus von Rotterdam bis Ostern noch ganz dringend nach Frankfurt zu liefern, dass sie vom "Mus" allein nicht satt geworden seien. Dies hat wohl als faule Ausrede zu gelten, vielmehr ging es darum, auf dem Hintergrund von Zwinglis Predigten die evangelische Freiheit zu demonstrieren und sich im reformatorischen Sinne über alles sogenannt nicht Biblische hinwegzusetzen.

Der Rat von Zürich (nicht die Kirche) ordnete sofort eine Untersuchung über das Fastenbrechen an, als das Wurstessen publik wurde! Zwei Wochen später nahm Zwingli in seiner Predigt zum Fasten Stellung, deren Text dann bereits am Gründonnerstag im Druck erschien: "Vom Erkiesen und Fryheit der Spysen". So wurde der Fastenbruch ein öffentliches Thema: Befürworter und Gegner der Fastengebote beschimpften sich nicht nur, sondern verprügelten sich auch, und Zwingli sollte gar entführt werden.

Der Grosse Rat verurteilte zunächst den Fastenbruch. Geradezu revolutionär bzw. reformatorisch hochbrisant war aber seine Entscheidung als weltliche Behörde, in der Fastenfrage nur noch gelten zu lassen, was die Bibel dazu erlaubt bzw. verbietet.

Ein Jahr später wurden alle Fasten-Gesetze aufgehoben. Der Rat hatte damit in eigener Entscheidung Zwinglis Schriftprinzip übernommen, akzeptierte die Bibel (in Zwinglis Auslegung!) also als alleinige Grundlage für sein kirchenpolitisches Handeln, womit die ganze Tradition der bisherigen Kirche beiseite geschoben wurde! Das Wurstessen bei Froschauer wurde dadurch ein wesentlicher Baustein der Reformbemühungen Zwinglis.

Matthias Reuter (bearbeitet)

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