Sie sind hier: Startseite A bis Z Zwingli Lexikon S Soziale

Soziale

Zwingli und das Soziale

Die reformatorische Predigt Zwinglis stiess unter den einfachen Leuten auf eine breite Resonanz. Diese verlangten, das Evangelium zu hören und ihm gemäss zu leben. Zum „Leben“ gehörte für viele unter ihnen nicht nur die persönlich-private Existenz, sondern auch die politischen und sozialen Verhältnisse. Es wurden daher sozialpolitische Forderungen an die Mächtigen (z.B. die Abschaffung des Zehnten und der Leibeigenschaft) gestellt.

Für die Bauern, welche ihre Forderungen mit dem Evangelium begründeten, stand das Verhältnis zwischen Glauben und Politik fest: Beides muss sich decken, Bibel und Gesellschaftsrecht müssen übereinstimmen. Und weil dies nicht der Fall war, beschritten viele den Weg der Revolution, um eine göttliche Gerechtigkeit aufzurichten. Zwingli war also durch das Vorgehen einiger „radikalen“ Prediger und Bauern gezwungen, ein reformatorisches Leitbild für eine christliche Gesellschaft zu entwerfen.

Zwingli und seine gleichgesinnten Amtskollegen griffen in ihren Predigten schon früh die traditionellen Gottesdienste an. Viele einfache Leute lehnten es in der Folge ab, die unevangelischen Gottesdienste mit ihren Steuern zu finanzieren, und drohten daher bereits im Jahr 1523 mit der Verweigerung des Zehnten (Kirchensteuer). Später kamen noch andere Forderungen hinzu wie die Aufhebung der Leibeigenschaft.

Zwingli stand zwischen zwei Fronten: die Bauern auf der einen und die Regierung, die jeden Umsturz verhindern wollte, auf der anderen Seite. In dieser Situation entwarf der Zürcher Reformator seine Lehre über die Ordnung der Gesellschaft. In seiner Predigt „Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit“ wies er die Bauern zunächst darauf hin, das bestehende Recht durch eine Steuerverweigerung nicht einfach zu übergehen (menschliche Gerechtigkeit). Den Ratsherren wiederum schärfte er ein, endlich Reformen durchzuführen, um die schlechten Zustände zu verbessern (göttliche Gerechtigkeit).

Für Zwingli gehörte zur Predigt des Evangeliums auch die Verkündigung der göttlichen Gerechtigkeit als Forderung an den Einzelnen und an die Gesellschaft. Das Reich Gottes hat bei ihm auch eine äussere Wirklichkeit! In Zürich geriet nicht nur religiös-kirchlich, sondern auch politisch-sozial vieles in Bewegung. Im Gegensatz zu den Bauern betonte der Zürcher Reformator jedoch den Unterschied zwischen evangelischer Forderung und bürgerlichem Gesetz, zwischen göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit. Die menschliche Gerechtigkeit sei nämlich ebenso von Gott verordnet, auch wenn sie nur relativ und unvollkommen sei.

Die meisten Punkte der göttlichen Gerechtigkeit entnahm der Zürcher Reformator der Bergpredigt. Inhalt dieser Gerechtigkeit sei die Liebe. Alle Forderungen der göttlichen Gerechtigkeit seien in der Liebe zusammengefasst; das Gebot der Liebe werde in der Bergpredigt ausgelegt. Anders verhalte es sich mit dem menschlichen Recht, das nicht Liebe sei, sondern die Menschen zur (nur relativen) Gerechtigkeit zwinge. Die menschliche Gerechtigkeit ist für Zwingli ein Funktionsersatz für das Liebesgebot.

Ch. Scheidegger am 24. April 2002 (bearb.)

Artikelaktionen
Ich suche nach:
Zwingli - der Zürcher Reformator