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Rat von Zürich

Der Rat von Zürich - seine Interessen

Der Rat der Stadt Zürich trug Zwinglis Kritik an der bisherigen Kirche mit. Neben der ernstgemeinten Hoffnung auf eine tragfähige Reform der Kirche spielte dabei auch das Interesse an einem Machtgewinn auf Kosten der geistlichen Institutionen ein entscheidende Rolle: Je weniger Macht von aussen der Bischof und Papst über die Stadt hatten, desto selbständiger konnten die Bürger und Politiker das Stadtleben gestalten.

Schon bei den ersten bedeutenden Schritten der Zürcher Reformation war der Rat wesentlich beteiligt, so bei der sog. Ersten Zürcher Disputation (1523). Hier diskutierten nicht nur Geistliche, sondern auch Wissenschaftler und vornehme Bürger aus Zürich und Umgebung darüber, ob die neue Art von Zwinglis Predigt akzeptiert werden solle oder nicht. Dass hier auf POLITISCHER Ebene entschieden wurde, dass Zwingli richtig liegt in seiner Konzentration und Beschränkung auf die Bibel als alleinigem Massstab, war bedeutend. Diese Art der stadtöffentlichen Diskussion religiöser Fragen setzte sich auch in andern Städten durch.

Für den Zürcher Stadtrat bedeutete die Disputation einen Machtgewinn, seine Kirchenpolitik wurde damit legitimiert. Von kirchlicher Seite selbst wurde ihm ein Herrschaftsanspruch gewährt. Zwingli nämlich wies der weltlichen Obrigkeit (wenn sie CHRISTLICHE Obrigkeit sein wollte) das Recht und die Pflicht zur Neuordnung der städtischen Gesellschaft zu. Falls eine Obrigkeit diese Aufgaben nicht erfülle, könne sie abgesetzt werden. Der Stadtrat selbst wollte auch eine Erneuerung der Gesellschaft und sah in Zwingli eine Person, die ganz wesentlich dazu beitragen konnte. - Für Zwinglis eigenes Verständnis war selbstverständlich, dass da noch ein weiterer Faktor mitspielte, damit die Reformation möglich wurde: Ihm war immer klar, dass nicht allein sein Bemühen und eine "zufällige" Unterstützung des Rates ein Neu- und Gesundwerden der Kirche ermöglichten: nur ein Geschenk von Gott höchstpersönlich macht sowas möglich.

Cornelia Schnabel am 2. Juli 1999 (bearbeitet)

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Rechtfertigungslehre

Rechtfertigungslehre - bei Zwingli

Auch wenn Huldrych Zwingli der Rechtfertigungslehre nie ein eigenes Buch widmete, taucht sie in seinen Schriften immer wieder auf. Wo er die Frage erörterte, wie der Mensch gerechtfertigt werde, wie er gerecht gemacht werde, kam er stets auch auf andere Themen zu sprechen. Anders als Luther blieb er nicht bei dieser Frage stehen, sondern versuchte noch mehr Neues in der Bibel zu entdecken. Der Zürcher Reformator nannte in seinen frühen Schriften die reformatorische Bewegung gerne „Christianismus renascens“, wiederentdecktes Christentum.

Dazu gehörte auch die Lehre der Rechtfertigung des Sünders aus Glauben: Da der Mensch die Forderungen Gottes (zum Beispiel in den Zehn Geboten) nicht erfüllt und so der göttlichen Ethik nicht gerecht wird, macht er sich schuldig gegenüber Gott und den Mitmenschen. Die durch die Schuld gestörte Beziehung zu Gott und zu den Menschen kann nur wiederhergestellt werden, indem die Schuld beglichen wird. Nur ist der Mensch aufgrund seines Unvermögens nicht in der Lage, für seine Schuld zu zahlen. Im Originalton: „Der Mensch weysst, dass im zuo Got kummen nit möglich ist, er sye denn guot und unschuldig.“ Der Zürcher Reformator sah im Kreuzestod Christi die Wiedergutmachung aller menschlichen Fehler. Der Mensch wird gerechtfertigt, von seiner Schuld freigesprochen, wenn er an Jesus als den Christus glaubt, der die Strafe für alle begangenen Fehler erlitten hat. Der Glaube ist in diesem Zusammenhang nicht einfach eine persönliche Ansicht, sondern ein festes Vertrauen; er verlässt sich nur auf Jesus. „Der Glaube ist die Ruhe und Sicherheit im Verdienst Christi“, sagt Zwingli in seiner wichtigsten reformatorischen Schrift.

Der theologische Ort der Zwinglischen Rechtfertigungslehre liegt in der Soteriologie, der Lehre von der Erlösung. Zwingli griff diesbezüglich Vorstellungen von Anselm, Erzbischof von Canterbury (11. Jahrhundert), auf. Der Mensch lebt naturgemäss im Elend, in der Trennung von Gott und kann nur durch die satisfaktorische Leistung des Todes Christi erlöst werden. Indem Christus die Gerechtigkeit erbrachte, die Gott gebot, ist den Forderungen Gottes genüge getan. Diesem Schema (Elend - Erlösung) folgte später der Heidelberger Katechismus.

„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ So lautet die Eingangsfrage des berühmten reformierten Katechismus. Antwort: „Dass ich mit Leib und Seele, sowohl im Leben als auch im Sterben, nicht mir selber sondern meinem treuen Heiland Jesus Christus gehöre.“ Hier ist vom Evangelium die Rede, ohne dass sofort die Lehre der Rechtfertigung erwähnt wird.

Auch Zwingli drückte das Evangelium zuweilen mit anderen Worten aus: Der Mensch ist auf der Suche nach seiner Identität, die er im Paradies durch den Sündenfall verloren hat. Die Identität findet der Mensch nicht in sich selber oder in seinem eigenen Tun (den guten Werken), sondern ausserhalb seiner selbst. Seine Identität, die verlorene Ebenbildlichkeit Gottes (lateinisch „Imago Dei“), bekommt der Mensch nur durch Christus zurück.

Wie gesagt: Die Lehre der Rechtfertigung ist in Zwinglis Schriften ein Thema unter anderen. Er war nie in dem Mass von Anfechtungen geplagt wie der Ex-Augustinermönch aus Wittenberg und legte vielleicht deswegen weniger Gewicht auf die Rechtfertigung aus Glauben, als es Luther tat. Zwingli schrieb ausführlich über das praktische Leben des Christen, die Kirchenordnung, soziale Reformen, Bildungspolitik und anderes mehr. All diese Fragen werden von ihm unter dem Aspekt der christlichen Nachfolge zu beantworten versucht.

Die Unterschiede zwischen der Rechtfertigungslehre Zwinglis und derjenigen Luthers werden an dieser Stelle nicht untersucht. Nur eines sei erwähnt: Der Zürcher Reformator betonte stets die Eigenständigkeit seiner Verkündigung gegenüber Luther.

Und welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die gemeinsame Erklärung des Lutheranischen Weltbundes und der Römisch-Katholischen Kirche zur Rechtfertigungslehre?

Von den Reformierten ist nicht die Rede. Vielleicht hatten die reformierten und calvinistischen Kirchen in dieser Sache nichts zu erklären, da Zwinglischer Tradition folgend ihr Augenmerk nicht nur auf die Rechtfertigungslehre gerichtet ist. Doch fehlten reformierte Stimmen nicht, die auf diese Erklärung reagierten - auch kritische:

Wie glaubwürdig ist die gemeinsame Erklärung angesichts der Tatsache, dass die Römisch-Katholische Kirche die Ablasspraxis erneuert und ihre Institution in der vatikanischen Erklärung DOMINUS IESUS verabsolutiert?

Pierre Bühler: Ablass oder Rechtfertigung durch Glauben. Was brauchen wir zum Jubiläumsjahr 2000? Pano Verlag 2000. ISBN: 3-907576-30-6

Ch. Scheidegger am 28. Oktober 2000 (bearb.)

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Reformation - warum?

Reformation - warum?

"Aus welchem Grund hat Zwingli die katholische Kirche reformiert?"
Es sollen einige der zahlreichen Gründe angegeben werden, warum die Kirche reformbedürftig war, und einige der Ziele, die Zwingli verfolgte.

Vorweg: Genau wie die anderen Reformatoren verstand sich Zwingli ganz selbstverständlich als Glied der katholischen Kirche. Er wollte niemals eine neue Kirche gründen. D.h., Zwingli hat sich zwar deutlich von der RÖMISCH-katholischen Kirche distanziert, diese Distanzierung wurde aber keineswegs als Absage an eine katholische (= umfassende, allgemeine) christliche Kirche verstanden. Als Christ und als Priester war ihm die Kirche wichtig, deshalb prangerte er ihren kranken Zustand an und wollte zu ihrer Heilung beitragen, sie reformieren.

Was "krank" war? Kurz: zu viel Geld, Macht und Egoismus war im Spiel. Und das Wesentliche des Christentums verschwand dahinter.

Die Kritik an Missständen und Unmoral der Kirche war sehr verbreitet. Sie kam auch von verschiedenen Geistlichen, wichtig war aber die zunehmende Kritik aus dem Volk (nicht nur ein Zeichen grösserer Kirchenkrise, sondern auch höherer Laienbildung und der blühenden Volksfrömmigkeit). Doch Abhilfe schuf die Kirche nicht; einer der Gründe für dieses Versagen war die Tatsache, dass für die Verfehlungen jeweils Bussen zu zahlen waren und sich diese Bussen zu einer beträchtlichen, ja unentbehrlichen Geldquelle für Papst und Bischof entwickelt hatten! Dazu kam, dass gewisse Verfehlungen so alltäglich waren, dass sie allmählich kaum jemanden mehr aufregten: Das Konkubinat der Priester z.B. war so häufig, dass viele diese Doppelmoral tolerierten.

Der Wunsch nach Reformen war unüberhörbar. Vor den Reformatoren bemühten sich schon andere um Reformen, oft mit wenig Erfolg. Meist blieben Verbesserungsbemühungen an der Oberfläche (organisatorisch, institutionell) und packten nicht die Wurzel: Es geht um ein Problem des Glaubens.

Wo es an die Wuzel geht, wird's radikal. Da stellen sich zwei Fragen. 1. Wer sagt mir, was gültige Wahrheit ist? Die Bibel als Gottes Wort oder die menschlichen Lehren der kirchlichen Tradition? und 2. Wer verschafft mir Zugang zu Gott? Christus oder die Kirche und meine eigenen guten Werke? - Zwingli stellte hier diese zwei wesentlichen Gegensätze auf: Einerseits zwischen der Autorität der Kirche und der Autorität der Bibel, andererseits zwischen der Suche nach Heil durch Christus und der Suche nach Heil durch irgendjemand oder irgendetwas anderes.

Zum Ersten: Zwingli wollte die Bibel ernst nehmen. Wollte diejenigen Lehren und Bräuche der mittelalterlichen Kirche abschaffen, die nicht durch die Bibel begründet waren, ihr sogar widersprachen. Wollte die Bibel allen Laien zugänglich machen (Übersetzung, Predigt), da sie so klar ist, dass sie nicht nur Profis lesen können (Heiliger Geist hilft allen). Wollte die Gläubigen befreien von zusätzlichen Gesetzen, die gar nicht aus der Bibel kommen (vgl. "Wurstessen", "Zölibat"). Und Zwingli wollte die Kirche, die ganze Gesellschaft wieder ausrichten nach der Bibel als höchster und einziger Instanz der Lebensführung. Das hiess für ihn: Gott und sein Wort respektieren und die Mitmenschen respektieren, eben auch die "Laienchristen" ("Priestertum aller Gläubigen"), und auch die Randständigen (ethische Appelle, Armenfürsorge). Von der römisch-katholischen Lehre entfernte er sich, weil er das Evangelium, Christentum, wie es ursprünglich gedacht war ("ad fontes") - und sonst nichts - zu predigen und zu leben versuchte.

Zum Zweiten: Zwingli war überzeugt, dass niemand ausser Christus zwischen Gott und dem Menschen vermitteln und versöhnen kann. Keine Priester, keine Heiligen, keine Institution Kirche. (Weil man die Kirche als "Vermittlerin zum Himmel" verstand, konnte sie mit der Angst und dem schlechten Gewissen der Gläubigen ein Riesengeschäft machen, vgl. "Ablasshandel".) Auch keine für heilig gehaltenen Dinge, keine Reliquien, keine Wallfahrtsorte, keine Zeremonien und Rituale, Geldspenden, "frommes Getue oder Tun", kein Aberglaube,... gelten ihm als nötig fürs Heil. Alles, was dieser Überzeugung widersprach, wollte er reformieren, damit Gläubige ihr Vertrauen uneingeschränkt auf Christus richten können - und nicht auf Geschöpfe, die nicht halten können, was sie versprechen.

Dies einige der Gründe, warum Zwingli seine Kirche reformierte. Dass dies nicht nur seine eigenen Ideen waren, sondern er dazu berufen war, dafür zu leben und zu sterben, davon war er spätestens dann überzeugt, als er nahe am Pesttod wieder geheilt worden war (vgl. "Pestlied").

C. Schnabel am 2. September 1999 (bearbeitet)

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Reliquien

Zwinglis Helm und andere Reliquien

Am 11. Oktober 1531, im zweiten Krieg von Kappel, fiel Ulrich Zwingli. Für die siegreichen Truppen der fünf katholischen Orte war damit nicht nur die Schlacht gewonnen. Durch den Tod Zwinglis hatte die Zürcher Reformation auch ihren wichtigsten geistigen Führer verloren. Ein spontan auf dem Schlachtfeld gebildetes Gericht erklärte Zwingli zum Ketzer, sein Leichnam wurde gevierteilt und verbrannt. Als Kriegstrophäen tauchten "des zwinglin helm" und später auch das Schwert und die Streitaxt des Reformators im Luzerner Zeughaus auf. Im 17. Jahrhundert kamen ein Säbel und eine Armbrust zur Kollektion dazu, die als "Ausrüstung des Erzketzers Zwingli" beschriftet den Touristen zur Schau gestellt wurde.

Obwohl es schlicht unvorstellbar war, dass Zwingli derart schwer bewaffnet in den Kampf zog, ersuchte Zürich wiederholt um die Rückführung der Reliquien ihres inzwischen hochverehrten Reformators und Begründers des Staatskirchentums. Es dauerte jedoch noch gute zwei Jahrhunderte, bis die Luzerner Regierung ihre Kriegsbeute "als Zeichen der Aussöhnung und Beseitigung jeglichen konfessionellen Haders" am 13. Januar 1848 freigab. Die Neue Zürcher Zeitung berichtete ausführlich von der mit Kanonenschüssen und Zeremonie im Grossratssaal feudal gefeierten Rückkehr der Zwingli-Waffen. Tief bewegt nahm der damalige Bürgermeister Ulrich Zehnder das Kampfwerkzeug samt Schenkungsurkunde in Empfang: "Dieser Augenblick gehört zu den ergreifendsten meines Lebens, zu den bedeutungsvollsten meiner amtlichen Tätigkeit...", würdigte er den Anlass.

Historische Untersuchungen des 1898 eröffneten Landesmuseums nahmen die angeblich dem toten Zwingli abgenommenen Waffen erstmals kritisch unter die Lupe. Der Säbel und die Armbrust verschwanden darauf hin aus der Sammlung. Aber auch die Echtheit von Zwinglis Streitaxt erwies sich als zweifelhaft. Der urtümliche schwermetallene Schlagstock, der sich umgedreht als Feuerwaffe einsetzen liess, stammte nämlich aus einem Jahrhundert vor den Reformationskriegen, und es scheint eher unwahrscheinlich, dass der nicht zum ersten Mal in den Kampf gezogene Zwingli eine derart unpraktische Antiquität mitführte. Wegen des regen Publikumsinteresses räumte man der nicht allzu glaubwürdigen Kriegsausrüstung dennoch einen prominenten Platz im Landesmuseum ein. Dies entsprach der damaligen Geschichtsschreibung, die Zwingli zum Helden hochstilisierte, der für seine reine Gotteslehre auf dem Schlachtfeld starb.

Heute vermag ein solch pathetisches Bild kaum noch zu überzeugen: Dass Zwinglis vor allem mit scharfen Worten geführter Kampf um die Erneuerung der Kirche in grausame Konfessionskriege mündete, stürzte den Reformator oft genug in tiefe Verzweiflung, und beim Anblick seiner auf Schwert, Streitaxt und Helm reduzierten Darstellung als Kriegsheld hätte er der Nachwelt bestimmt gehörig die Meinung gesagt. - Immerhin aber der von einem tödlichen Hieb durchlöcherte Helm im Landesmuseum könnte nach Expertenmeinung tatsächlich von Zwingli stammen.

Rea Rother (bearbeitet)

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