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Lexikon O

Obrigkeit

Obrigkeit, Staat, Regierung

Zwingli meldete sich zum Thema 'Obrigkeit' recht oft zu Wort, und sein geäusserter Standpunkt entsprach weder der Postion Luthers noch derjenigen Thomas Müntzers. Seine abweichende Sicht der Obrigkeit ist zum Teil auf die politische Situation Zürichs zurückzuführen. Die Limmatstadt war zur Zeit der Reformation ein selbständiger Stadtstaat, der durch einen Kleinen und einen Grossen Rat regiert wurde. Die Ratsmitglieder wurden von den Zunftversammlungen gewählt; ein Grossteil der männlichen Bürgerschaft war also an der Regierung beteiligt. Zwingli gab dem Rat eine neue Funktion und eine neue theologische Interpretation: Er fällt als Presbyterialrat die kirchenpolitischen Entscheide.

Die Unterscheidung zwischen einem weltlichen und einem geistlichen Bereich scheint vor allem eine Eigenart der jüdischen und der christlichen Religion zu sein. Während das Alte Israel neben dem und unabhängig vom König das Amt des Hohenpriesters und die kritisch distanzierten Propheten kannte, vereinigten die heidnischen Herrscher sehr häufig weltliche Macht und Religion in ihrer Person. So war beispielsweise der römische Kaiser gleichzeitig der oberste Priester (Pontifex Maximus), was sich im Kaiserkult zeigt. Mit dem Aufstieg des Christentums als Staatsreligion war der Kaiser nicht mehr länger das religiöse Haupt.
Für das Mittelalter wurde die Lehre der zwei Schwerter (nach Lk 22, 38) wichtig: Christus übergibt dem Anführer der Christenheit, dem Papst, die beiden Schwerter (geistliche und weltliche Gewalt). Dieser wiederum verleiht dem weltlichen Herrscher, dem Kaiser, das Schwert der weltlichen Gewalt. In dieser bildlichen Darstellung der Machtverhältnisse wird deutlich, dass der weltliche Arm (Imperium) der geistlichen Gewalt (Sacerdotium) untergeordnet ist [nicht unumstritten, wie der Investiturstreit zeigt -TN].

Durch die Bibellektüre gelangte Zwingli zu der Einsicht, dass die Unterordnung der weltlichen Gewalt unter den Papst nicht richtig sei. Weder gäbe es in der Heiligen Schrift einen Hinweis, dass die universale Kirche einen Anführer kenne (vielmehr ist Christus das Haupt der Kirche), noch dürfe in der wahren Kirche das Prinzip der Gewalt und des Zwanges herrschen. Daher seien geistliche Gerichtsbarkeiten und andere Herrschaftsformen in den Händen von klerikalen Personen abzuschaffen, während die weltliche Obrigkeit allein legitimiert sei, das Schwert zu führen.
Diese schärfere Unterscheidung des weltlichen vom geistlichen Bereich teilte Zwingli mit Luther. Anders als der Zürcher Reformator ist Luther in seiner Unterscheidung jedoch wesentlich strikter: Das weltliche Reich besitzt gegenüber der Kirche eine fast absolute Autonomie, und die Untertanen sind zu einem Gehorsam fast ohne Wenn und Aber verpflichtet.
Zwingli hingegen strebte ein engeres Zusammenspiel von Obrigkeit und Kirche an: Der Staat übt die weltliche Macht aus, während die Kirche die Wertmasstäbe für das obrigkeitliche Handeln liefert. Es kam vor allem in den 1520er Jahren zu einer vielfältigen Zusammenarbeit zwischen den Pfarrern und dem Rat.

Der Staat ist bei Zwingli nicht naturrechtlich begründet, also kein natürlicher Verband, der einem Zustand der ursprünglichen Natur entspricht, sondern er ist eine Gottesordnung, die respektiert werden muss. (Ganz anderer Meinung war der revolutionäre Theologe Thomas Müntzer, als er die einfache Bevölkerung gegen die etablierten Mächte aufhetzte).
Eine Obrigkeit zu stürzen, ist nach Zwingli nur gestattet, wenn es sich bei ihr um eine Tyrannenherrschaft handelt. Ansonsten müssen sich die Menschen ihr unterordnen, weil der gefallene Mensch dem Eigennutz und der Selbstsucht verfallen ist und daher der Obrigkeit bedarf. Sie stellt Regeln auf und achtet auf deren Befolgung, damit das Leben gestaltet und geordnet wird und Gerechtigkeit herrscht.
Zwingli hielt am mittelalterlichen Konzept des christlichen Gemeinwesens (Corpus Christianum) fest und identifizierte den Stadtstaat Zürichs mit der dortigen christlichen Gemeinde: „Eine christliche Stadt ist nichts anderes als eine christliche Gemeinde“. Die Zürcher Regierung war in dieser Hinsicht auch für das Geschick der „Schafe Christi“ in ihrem Territorium verantwortlich, und tatsächlich war es ja der Rat, der die Reformation mittels entsprechender Gesetze in Zürich durchführte. Den Hintergrund für dieses Vorgehen bildete die erwähnte Deutung der Regierung als Presbyterialrat und zwar aufgrund der reformatorischen Proklamation, dass alle Christen dem geistlichen Stand angehörten (allgemeines Priestertum).
Trotz der neuen Kompetenzen des Magistrates im religiösen Bereich waren Zwingli und sein Nachfolger Heinrich Bullinger darum bemüht, dass die Kirche nicht einfach zu einer vom Rat beherrschten Institution wurde. Synode (Versammlung der Pfarrer), Prophezei (theologische Schule) und die Chorherrengesellschaft waren unabhängige Institutionen. Und Bullinger insistierte auf der Freiheit, ohne Rücksicht auf Menschen das zu predigen, was die Schrift zu gesellschaftspolitischen Problemen sagt.

Ch. Scheidegger am 24. April 2001 (bearb.)

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Orgel

Orgel - Abbruch

Als 1527 die erst zwanzig Jahre zuvor an Stelle einer kleineren erbaute grosse und prächtige Orgel im Grossmünster abgebrochen wurde, geschah dies zwar als Folge der Predigt Zwinglis, aber nicht durch ihn selbst. Nachdem sie schon gut drei Jahre lang nicht mehr gespielt werden durfte, wurde sie auf Verfügung des Rates, nicht in einer spontanen Zerstörungsaktion, entfernt.

C. Schnabel am 3. November 1999 (bearbeitet)

(Weiteres beim Themenartikel "Orgel")

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