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Motivation - warum wurde Zwingli zum Reformator?

Dass aus dem römisch-katholischen Priester ein Reformator wurde, lag nicht nur an einer korrupten mittelalterlichen Kirche. Viele waren der Ansicht, dass sich Kirche und Gesellschaft zu Beginn des 16. Jahrhunderts in einem schlechten Zustand befanden. Doch nicht alle, die so dachten, wurden als Reformatoren aktiv. Entscheidend für Zwinglis Weg zum Reformator war seine theologische Entwicklung.

In seiner Studienzeit kam Zwingli mit dem Humanismus in Berührung und war von ihm fasziniert. Anstatt die Aussagen der Tradition (Scholastik) für bare Münze zu nehmen, wollte der spätere Reformator zum Kern einer Sache vordringen, und zwar auf verschiedenen Wissensgebieten. Das bedeutete für die Humanisten, zu den Quellen zurückzukehren, also die antiken lateinischen und griechischen Autoren zu studieren. Was für die einfacheren Schulfächer galt, war bei der Königsdisziplin, der Theologie nicht anders. Anstelle der mittelalterlichen Kommentatoren fing man an, die Bibel in den Ursprachen zu lesen. Aus diesem Grund lernte der schon fast 30-jährige Zwingli Griechisch.

Den wichtigsten Impuls zu seinen Quellenstudien erhielt er von Erasmus von Rotterdam, den er als Autor allgemein schätzte. Zwingli selber berichtet, er habe den entscheidenden Anstoss für seinen „neuen“ Glauben von Erasmus empfangen. Seit 1515 habe Erasmus ihm die Augen geöffnet, statt sein Glück bei den erfundenen Lehren und Bräuchen der Menschen zu suchen, sich an Christus zu wenden und von ihm alles Gute zu erwarten.

Zwingli schrieb: „Ich habe [damals] begonnen auf die biblischen Schriften und die Schriften der Kirchenväter zu blicken.“ Er wollte die Worte und das Leben Jesu studieren und las in humanistischer Art die Quellen, ohne einen grossen Unterschied zwischen Bibel und Kirchenvätern zu machen. Besonders intensiv widmete er sich der Lektüre der griechischen Paulusbriefe, die er eigenhändig abgeschrieben hatte.

Dabei machte er seine reformatorische Erfahrung. „Ich bat Gott um Erleuchtung, und die Schrift begann mir viel klarer zu werden als nach dem Studium von zahlreichen Kommentaren und Auslegern, obwohl ich bloss die Bibel selber las,“ schrieb Zwingli rückblickend. Dabei ging es nicht nur um die methodische Entscheidung, allein auf die Schrift zu hören (sola scriptura), sondern vor allem darum, durch die Schrift Gottes Reden zu vernehmen. Und dies bedeutete für Zwingli, dass das Heil allein in Christus („solus Christus“) liegt und ihm von Gott zugesprochen wird. Diese Anfänge mit der Bibel veranlassten Zwingli schon bald zu praktischen Reformen.

Zwingli war bereits früher ein engagierter Pfarrer, doch löste eine schwere Krankheit bei ihm noch mehr Einsatzbereitschaft aus. Als 1519 eine der schlimmsten Pestwellen Zürich erreichte, erkrankte auch er an der Pest. Nachdem er mit dem Tod gerungen hatte, genas er schliesslich. Während der Rekonvaleszenz dichtete er das „Pestlied“, das von seiner Opferbereitschaft und Hingabe zum Dienst zeugt. In den darauffolgenden Jahren predigte Zwingli unaufhörlich das Evangelium und drängte stets auch zur Tat, so dass die Reformation in Zürich in einem sehr rasanten Tempo durchgeführt wurde.

Was löste das „solus Christus“ aus?
Durch Zwinglis reformatorische Predigt wurden viele Menschen von ihren religiösen Nöten und Ängsten befreit. Der mittelalterliche Mensch hoffte, über viele Stufen schliesslich zu seinem Heil zu gelangen, und war dabei auf die Hilfe der Kirche angewiesen. Die Kirche verwaltete die Mittel, die zum persönlichen Heil nötig oder nützlich waren: Sakramente, Wallfahrten, Fasten, Ablässe, Stiftungen (z.B. Geldzinsen) usw.
Demgegenüber verkündete Zwingli, dass Gott alle Menschen von ihren Sünden freispreche und ihnen die Strafen nachlasse, wenn sie an das einzige Mittel, Christus, glaubten. Bisherige „unevangelische“ religiöse Praktiken schaffte man in Zürich in der Folge ab (einen Teil der Sakramente, das Fasten, die Messe und die kirchlichen Vergabungen).

Zwingli hatte sicher viele Vorbilder und schätzte Menschen mit bewundernswerten Tugenden sehr hoch. Dies konnten zum Beispiel die alten Eidgenossen sein, an denen Zwingli rühmte, dass sie mit tapferen Taten ihr Land von der Fremdherrschaft befreit und sich mit harter Arbeit ernährt hatten. Dem Vorbild der Vorfahren stellte er den Egoismus seiner eigenen Generation gegenüber. Viele gäben ihre Söhne als Söldner fremden Herren zu Diensten, um mit dem damit gemachten Geld vor anderen prahlen und ein Leben im Luxus führen zu können.

Als das beste Vorbild empfiehlt Zwingli stets Christus, sowohl für sich persönlich wie auch für andere. So etwa in der erziehungspolitischen Schrift „Wie Jugendliche aus gutem Haus zu erziehen sind“. Stets mahnt der Reformator, ein Leben nach dem Vorbild Christi zu führen.

Als Bern nach einem intensiven Glaubensgespräch kurz davorstand, die Reformation einzuführen, gab es noch eine breite konservative Opposition, die viele vor dem bevorstehenden Schritt einzuschüchtern vermochte. Zwingli machte in einer Predigt im Berner Münster den Verantwortlichen Mut vorwärtszugehen. Dabei nannte er Christus als das beste Vorbild für Standhaftigkeit und Mut. Der Reformator nahm für sein eigenes Vorgehen wiederholt Christus in Anspruch. Wo er z.B. gewisse Praktiken in der mittelalterlichen Kirche mit scharfem Ton brandmarkte, wies er auf Jesu harte Kritik an den Pharisäern hin. Oder als er seine Abendmahlslehre relativ spät darlegte, tat er dies mit dem Hinweis, dass Christus selber in manchen Punkten vorsichtig gelehrt habe.

Als Zwingli Luther in den Jahren 1518-20 zur Kenntnis nahm, erblickte er in ihm einen reformerischen Mitstreiter, der allerdings in einigen Punkten (Beichte, Fegefeuer, Bilder) nicht radikal genug sei. Besonders beeindruckt war Zwingli von Luthers Auftritt an der Leipziger Disputation; Luther war für Zwingli zunächst ein Vorbild.
Im Jahr 1525 begann eine lange Kontroverse zwischen beiden Reformatoren, die in einen offenen Streit mündete. Grund waren unterschiedliche Ansichten über das Abendmal.
(vgl. den Artikel „Unterschiede zwischen der Lehre Luthers und der Zwinglis“)

Ch. Scheidegger am 02. November 2001 (bearb.)

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