Sie sind hier: Startseite A bis Z Zwingli Lexikon J

Lexikon J

Judentum

Zwinglis Haltung gegenüber dem Judentum

Zur Zeit der Reformation waren die Juden offenbar kein Diskussionsthema. Zwingli hat sich nie direkt mit dem Thema Judentum auseinandergesetzt. Es gibt keine Abhandlung oder Stellungnahme zum Judentum. Die Bedeutung der Juden und des jüdischen Denkens in Zwinglis Theologie müssen wir deshalb aus vielen verstreuten Bemerkungen und Indizien zusammensuchen und den Versuch einer Rekonstruktion wagen.

An vielen Stellen erwähnt Zwingli die Juden, weil sie in Bibelstellen vorkommen. Er übernimmt jeweils die Tendenz der Bibelverse. Sprechen diese von Strafe und Verwerfung der Juden, übernimmt er auch diese Begriffe. Zwei Präzisierungen sind aber nötig, um diese Begriffe in Zwinglis Sinn zu verstehen.

Strafe und Verwerfung bedeuten keine endgültigen Urteile. Sie stellen vielmehr Massnahmen Gottes auf dem Weg zum Heil dar. Zwingli versteht sie als biblische Interpretation der Lebensbedingungen der Juden bis ins 16.Jahrhundert. Er kann in diesem Zusammenhang darauf verweisen, dass die Bezeichnung "Jude" als Schimpfname gebräuchlich war. - Fast immer folgt auf einige erläuternde Sätze sofort die Anwendung auf die christliche Kirche. Denn nach Zwinglis Meinung ist die christliche Kirche nicht besser als die Juden in jenen Zeiten, als Gott Strafen über sie verhängte. Es wird rasch deutlich: an diesen Stellen geht es Zwingli um Kirche und Christenheit, nicht um die Juden.

Luther ging offenbar ganz traditionell davon aus, dass die Kirche das Judentum als auserwähltes Volk ersetzt habe. Zwingli ist dieser Tradition nicht gefolgt. Wir stellen die These auf, dass Zwingli die Juden nicht preisgeben konnte, ohne zugleich Gott selbst, so, wie er es verstand, preiszugeben. Es ist vor allem die Wirksamkeit der Worte Gottes, die keiner Änderung oder Täuschung unterliegen können. Deshalb konnte auch der Bund Gottes mit den Menschen in der Schöpfung nicht gebrochen und nicht ersetzt werden, da sonst Gottes Wort unwirksam geworden wäre und Gott sich getäuscht hätte. Gott als der in Allem absolut Wirkende und absolut Zuverlässige macht die Erwählung nicht rückgängig. Deshalb zeigen die hebräischen Texte denselben Gott wie das Neue Testament, das als Neuerung nur den Einbezug der Heiden bringt, abgesehen von der Wirkung des Christus, die aber für alle Menschen seit Beginn der Welt gilt (dies war wohl auch ein Teil des Hintergrundes, der zum Bruch mit Luther führte. Wichtig wurde die Diskussion der Rolle des Gesetzes).

Zwingli ist dem Judentum im Laufe seines Leben verschiedentlich begegnet. Es gibt Indizien dafür, dass diese Begegnungen nicht ohne Folgen blieben. In den Werken G.Pico della Mirandola's konnte er Skizzen kabbalistischen Denkens finden. Zwingli hat die Werke dieses italienischen Philosophen (1504 in Strassburg erschienen) erworben und sie intensiv studiert.

Dort konnte er auch die These finden, dass das Christentum nur aus dem Judentum verstanden werden könne. Mit Hilfe dieses Prinzips begründete er die Kindertaufe aus der Beschneidung und das Abendmahl aus dem Pessach. (In der Abendmahlsliturgie verwendet Zwingli den Psalm 113 als Dankgebet - in der Pessah-Liturgie kommt derselbe Psalm, zusammen mit Psalm 114, auch vor.)

Es ist hier daran zu erinnern, dass das Verständnis der Taufe Zwingli in Gegensatz zu den Täufern setzte, das des Abendmahls ihn von Luther trennte. Beide Konflikte waren nicht lösbar, weil Zwingli an der Schlüssigkeit seiner alttestamentlichen (d.h. jüdischen) Argumente festhielt, was weder Luther noch die Täufer akzeptieren konnten. So könnte die Haltung gegenüber dem Judentum eine wesentliche Rolle in diesen Konflikten gespielt haben, auch wenn es von den Kontrahenten selbst nicht erkannt wurde.

Dass Zwingli nicht nachgeben wollte, lag, wie es die These (s.o.) nahelegt, am Gottesverständnis; dieses konnte Zwingli nicht aufgeben, weil es der Kern seiner Theologie war: Der eine Bund Gottes mit den Menschen, mit Abraham, Noah, Adam, geplant von Gott von Anfang an in Christus. Der Wille Gotte entfaltet sich im Laufe der Geschichte und ist doch immer derselbe.

Eine weitere Begegnung mit jüdischem Denken ergab sich aus dem Erlernen der hebräischen Sprache. Obwohl dieses Lernen Zwingli Mühe machte, blieb er doch sehr lange mit dem Hebräischen beschäftigt. Bekannt ist, dass während einiger Zeit ein Jude aus Winterthur täglich nach Zürich zu Zwingli kam, um sich mit ihm "flyssig" zu besprechen. Zwingli spielte die Bedeutung dieser Besprechungen herunter - es war wohl nicht ratsam, zu den vielfältigen Vorwürfen der Irrlehre auch noch den judaisierender Theologie auf sich zu ziehen. Es ist aber nicht anzunehmen, dass das Erklären hebräischer Wörter und Grammatik ohne die Diskussion jüdischer Interpretationen vor sich gehen konnte.

Auffällig ist dann die Anstellung des Griechisch- und Hebräisch-Lektors, den Zwingli offenbar sehr gewünscht hatte. Griechisch konnte er selbst gut; somit war das Notwendige wohl das Hebräische. Konrad Pellikan übertrug später rabbinische Literatur ins Lateinische.

Samuel Waldburger (bearbeitet)

Zur Zeit der Reformation lebten in Zürich keine Juden mehr. Sie waren im Spätmittelalter wie vielerorts vertrieben worden und waren ostwärts gezogen, v.a. nach Polen. Die Vertreibungen haben eine lange und leidvolle Vorgeschichte, die mit der schlechter werdenden Beziehung zwischen dem Christentum und dem Judentum in der Antike begann.

Bestimmend für das Verhältnis der europäischen Christenheit zu den Juden wurde die Theologie des Augustinus (354-430). Der grosse Kirchenvater lehrte, dass Gott die Juden mit der Zerstreuung bestraft habe und man sie nicht weiter zu bestrafen, sondern zu dulden habe. Durch ihre sichtbare Verwerfung würde die Wahrheit der christlichen Religion bezeugt. Diese Lehre bildete für rund 1400 Jahren die Leitplanken für den christlichen Umgang mit den Juden.

Als einzige Nichtchristen wurden sie in Europa zwar toleriert, gleichzeitig jedoch diskriminiert (man half der Zerstreuung aktiv nach). Ausser der offiziellen Diskriminierung, die verschiedene rechtliche Folgen hatte, gab es auch eine inoffizielle, d.h. von der Kirchenleitung abgelehnte Judenfeindschaft. Die Judenpogrome zur Zeit der Kreuzzüge, die Legenden vom Ritualmord und von der Brunnenvergiftung gehörten hierhin.

Obwohl Zwingli in vielen Punkten mit der Lehre und der Praxis der mittelalterlichen Kirche brach, folgte er, was die Juden betraf, der kirchlichen Tradition. Er teilte die Ansicht von der Verwerfung der Juden und verzichtete auf die populistische Judenfeindschaft. Zur Duldung der Juden ist mir keine Äusserung des Reformators bekannt, doch gab es angesichts der Situation in Zürich dazu ja auch keinen konkreten Anlass.

Hingegen kommt in manchen Textstellen eine Achtung den Juden gegenüber zum Ausdruck. Die Juden sind für Zwingli Gottes Volk des Alten Testamentes. Er schätzte das Alte Testament sehr und sprach von ein und demselben Bund, den Gott mit den Menschen im Alten und Neuen Testament geschlossen habe. Vielleicht sagte er von den Juden seiner Zeit deswegen, dass sie das Alte Testament wahrheitsgetreu überliefern hätten. Die Christen sollten anstelle des Papstes die Juden fragen, welche Schriften der hebräischen Bibel kanonisch seien. Als die Papsttreuen einmal die Heiligenverehrung mit einer Stelle aus dem apokryphen Baruchbuch begründeten, entgegnete er ihnen: „Ich werde nachprüfen, ob die Juden dieses im Kanon haben oder nicht. Wen ich es dort nicht finde, werde ich ihm auch keinen Glauben schenken.“

Überhaupt war es Zwinglis Hinwendung zur Bibel, welche ein neues Interesse an der hebräischen Sprache und am Judentum zur Folge hatte. Zwingli selber lernte Hebräisch. Und weil er damit seine Mühe hatte, kam während einer gewissen Zeit ein Jude aus Winterthur täglich nach Zürich, um den Reformator zu unterrichten.

Um den Christen die hebräische Bibel zugänglich zu machen, holte Zwingli den Hebraisten Konrad Pellikan nach Zürich. Mit seiner Hilfe wurde die Übersetzung des Alten Testamentes vollendet. Pellikan verfasste zudem eine hebräische Grammatik und beschäftigte sich intensiv mit der jüdischen Literatur.

Luthers massive judenfeindliche Äusserungen sind bekannt. In Zürich wurden sie aufs schärfste verurteilt. Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger war schockiert, dass der ehrwürdige Wittenberger Reformator mit so mörderischem Hass gegen die Juden polemisierte. In einem Brief schieb er: „Wer, bitte, könnte das in überaus abscheulicher Weise geschriebene Buch ‚Vom Schem Hamphoras‘ ertragen oder gutheissen?“ Ansonsten zeigte sich Bullinger selber nicht gerade judenfreundlich. Im Grundsatz befürwortete er die Toleranz gegenüber den Juden. In einem Gutachten für die Stadt Augsburg riet er jedoch, die Juden am Ort nicht zu dulden. Als Gründe für die empfohlene Intoleranz machte er geltend, dass die örtliche Existenz von Juden einfache Christen verunsichern würde. Und dass die Juden die christliche Religion und Christus in ihren täglichen Gebeten verlästern würden.

Zu Beginn der Reformation gab es einen hoffnungsvollen Aufbruch zu einem besseren christlich-jüdischen Verhältnis. Nicht nur an die geschilderte Achtung Zwinglis gegenüber den Juden und der neuen Wertschätzung der Hebräischen Bibel sei erinnert. Auch Luthers Traktat „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ soll in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Doch mit der Konsolidierung der Reformation verfestigte sich auch die traditionelle ablehnende Haltung gegenüber den Juden. Längerfristig hat vielleicht das neue Interesse am Alten Testament und an der hebräischen Sprache mitgeholfen, das Judentums mit neuen Augen zu sehen.

Siehe auch: „Name Gottes“.

Ch. Scheidegger am 05. Juni 2001 (bearb.)

Artikelaktionen
Artikelaktionen
Ich suche nach:
Zwingli - der Zürcher Reformator