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Hexen

Hexen - bei Zwingli

Hexen und Hexenprozesse sind in Zwinglis Schriften kein Thema. Im Zeitalter der Reformation machte man sich allgemein nicht allzu viel Gedanken über die Hexerei. Der berühmte „Hexenhammer“, ein Handbuch für Hexenprozesse, ist nach seiner 13. Auflage von 1520 nicht mehr gedruckt worden, bis in der zweiten Hälfte des 16. Jh. die grosse Zeit der Hexenverfolgungen einsetzte, auch in Zürich.

Trotzdem sind die Hexen beim Zürcher Reformator nicht völlig abwesend. Nur sind es bei ihm nicht heidnische Frauen, sondern Vertreter der Kirche, denen er vorwirft, mit dem Teufel im Bund zu stehen.

In der „Auslegung und Begründung der Thesen 1523“ verurteilte er die kirchliche Lehre des Fegefeuers und beschuldigte die Kirchenvertreter als Hexenmeister. Denn völlig unbiblisch sei der Brauch, gegen einen festen Preis für Tote zu bitten, um so ihre Zeit in einem angeblichen Fegefeuer zu verkürzen.

Er schrieb: „Und darum gestehe ich die Existenz eines Fegefeuers nicht zu ... Aber die Geizkragen, die eine Zeit festsetzen und sagen: ‚Soundso lang muss einer leiden‘; und die Hexenmeister, die mittels Teufelsbeschwörung zeigen, mit dieser oder jener Praxis helfe man den Toten, oder aber der Tote müsse noch lange leiden... Es ist ein Betrug, und der Teufel ist der Vater des Betrugs. Darum ist solches Handeln auch teuflisch.“

Der Vorwurf der Hexerei ist hier ein polemisches Mittel im Kampf gegen eine religiöse Praxis der Kirche.

Was Zwingli über die Hexerei im eigentlichen Sinn (Schadenzauber und Hexensabbat) dachte, lässt sich aufgrund der Quellen wahrscheinlich nicht sagen. Vielleicht hielt er von den landläufigen Hexenvorstellungen nicht sonderlich viel. Könnte man dies etwa aus der folgender Passage herauslesen, wo scheinbar von Schadenzauber die Rede ist? Der ehrbare Christ, sagt Zwingli, brauche die Exkommunikation der römischen Kirche so wenig zu fürchten, „als ob ihm eine zornige Frau die Epilepsie anwünschte, ihn zum Teufel verfluchte oder dergleichen; denn Katzengebet [Sprüche, mit denen anderen Böses gewünscht wird] geht nicht zum Altar.“

Grundsätzlich dominierten animistische Vorstellungen das Weltbild sowohl der einfachen Leute wie der Gebildeten und stellten die Grundlage für den Hexenglauben dar. Auch wenn die Natur dem Gebot Gottes unterstand, war im Kleinen vieles von guten und bösen Geistern beherrscht. Ob die Reformation diese Vorstellungswelt tatsächlich angegriffen hat, ist m.W. eine umstrittene Frage. Falls ja, wären die Hexenverfolgungen sozusagen ein Betriebsunfall im Zuge der Entzauberung der Welt, die mit der Reformation einsetzte.

Ch. Scheidegger am 14. August 2001 (bearb.)

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Homophilie

Homophilie und Zwingli

(Inhalt: Zwingli und die Homosexualität - Homosexualität als Kampfmetapher - Polemik und Realität - Homosexualität als Verbrechen - Gelebte Homosexualität - Fazit)

Zwingli und die Homosexualität
Für Zwingli war Homosexualität kein Thema, mit dem er sich eigens auseinandergesetzt hätte. Ihm wären bei dem Thema höchst wahrscheinlich die Haare zu Berge gestanden, so abwegig muss ihm Homosexualität wohl vorgekommen sein: ein Greuel, weil eine Abweichung von der natürlichen, sprich: göttlichen Norm [und in den biblischen Schriften einhellig geächtet -TN].

Homosexualität als Kampfmetapher
Das hielt Zwingli aber nicht davon ab, sie bisweilen als polemisches Wurfgeschoss einzusetzen: Beispielsweise handelt der 49. Artikel der „Auslegung und Begründung der Thesen oder Artikel“ vom Ärgernis, Priestern die Ehe zu verbieten, ihnen aber handkehrum zu erlauben, gegen Geld Huren zu halten. Der Reformator – dem es natürlich um die Legitimation der Priesterehe geht – schildert die sozialschädigenden Effekte der „Hurenpriester“. Und damit nun niemand auf die Idee kommt, dieses Problem dadurch zu lösen, dass man die Hurerei effektiv verbietet, führt er gleichsam als Steigerungsform der babylonischen Zustände den Gedanken aus, die Priester ehelos, nur aber einfach ohne Huren, leben zu lassen: „Wenn er aber keine eigene Hure hält, so ist nichts vor ihm sicher, nicht einmal die eigene Mutter und Schwester; ich schweige davon, dass sie es hie und da miteinander getrieben haben ...“

(in : Auslegung und Begründung der Thesen oder Artikel, 1523, zitiert nach: Zwingli, Schriften, Theologischer Verlag, Zürich, 1995, Bd. II, p. 411)

Polemik und Realität
Zwingli befand sich mit solchen Invektiven in bester Gesellschaft. Missliebigen Mönchen und Priestern Homosexualität zu unterstellen, war gängige Praxis (wenn auch Luther aus nicht ganz klaren Gründen darauf verzichtete). – Und dass es sich dabei um mehr handelte als blosse Polemik, zeigt eine Betrachtung der sozialen und gesetzlichen Realitäten der Zeit. Zwingli deutet es in der „Auslegung und Begründung“ an, wenn er vom Kirchenbann handelt und Beispiele verbaler Ausfälligkeit beibringt, die durch eben diesen Bann zu verhindern wären: „Ihr (die Bischöfe im Schweizer- und im Schwabenland, MB) habt in den vergangenen Jahren den verheerenden Krieg gesehen (den Schwabenkrieg von 1499. MB), den zwei Völker gegeneinander führten, Christen gegen Christen, und wisst genau, dass dieser zum Teil nur wegen leichtfertiger, erlogener und schändlicher Spottreden ausgebrochen ist. Denn das gottlose Laster, welches die Schwaben den Eidgenossen laut vorwerfen, wird auf Erden nirgends härter bestraft als bei den Eidgenossen“.

(in : Auslegung und Begründung der Thesen oder Artikel, 1523, Zwingli, Bd. II, p. 331)

Zur Erläuterung: Die Schwaben hatten den Schweizern allerlei sexuelle Unzucht und insbesondere Sodomie vorgeworfen. Sodomie ist dabei beides: Unzucht mit Tieren und Homosexualität, insbesondere, wenn „ein Jüngling“ mit im Spiel ist.

Mit dem Verweis auf die härtesten Strafen jedenfalls bringt Zwingli die vor der Polemik liegende Realität der Homosexualität im späten Mittelalter ins Spiel: der „Sodomit“ als Verbrecher.

Homosexualität als Verbrechen
Homosexualität war ein Verbrechen, und zwar eines, das mit dem Tod zu bestrafen ist. Diese Ansicht hatte sich zwischen 1250 und 1300 durchgesetzt. Es war zur gleichen Zeit, dass Homosexualität zum Offizialdelikt wurde: ein Verbrechen, dass von Amts wegen und zumeist durch die städtische Obrigkeit verfolgt wurde. – Im Zusammenhang mit der Verfolgung der Katharer wurde zudem eine Liaison von Homosexualität und Häresie konstruiert; der Inquisition gab dies später die Möglichkeit, via Sodomie Unglauben und vice versa zu „beweisen“.

Mit der aufkommenden Hexenphobie und –jagd schliesslich gelangte die Homosexualität definitiv in eine sozialstrategisch entscheidende Funktion: Sie wurde zum männlichen Pendant der – primär – mit Frauen assoziierten Hexerei. War es, etwas grobschlächtig formuliert, für die Frau die Hexerei, bzw. der drohende Scheiterhaufen, der sie in der Ehe halten sollte, so bestand für den Mann die Drohung in der Homosexualität und dem genau gleichen Scheiterhaufen. Statt durch den Teufel war männliche Identität durch andere seinesgleichen bedroht (wenn natürlich dem Teufel auch sogleich homosexuelle Interessen unterstellt wurden). Und dass ebenfalls der Scheiterhaufen die häufigste Strafe für derartige „Sodomie“ ist, war bestimmt kein Zufall.

Gelebte Homosexualität
Angesichts dieser Verfolgungsgeschichte der Homosexualität im späten Mittelalter – und darüber hinaus – müsste man Zwingli nun beinah zugute halten, dass er sie „nur“ zu polemischen Zwecken einsetzte.

Allerdings habe ich bislang nur die eine, die sozusagen offizielle und institutionell verbriefte Geschichte der Homosexualität angedeutet. Es gab daneben eine ganz andere Geschichte. Bei Zwingli klingt sie – natürlich wiederum polemisch – an, wenn er von der „römischen“ Kirche schreibt: „Was wollen wir erst von der unkeuschen Keuschheit der Päpstler sagen, die ihre heuchlerische Enthaltsamkeit nicht genug herausstreichen können, sich uns aber täglich obszöner als die Hunde darbieten? Dies alles ginge ja noch halbwegs an, bliebe es bei einigen innerhalb der natürlichen Grenzen.“ (Aus: Der Hirt, Zwingli I, a.a.O., p. 274)

Der Punkt ist: Der Anwurf trifft partiell zu. – Es wäre ja auch zu seltsam, hätte es damals keine gelebte Homosexualität gegeben. Und es wäre zu seltsam, hätte der antihomosexuelle Diskurs alle anderen Stimmen verdrängt.

Einige Indizien:
In Köln wurden Homosexuelle kaum verfolgt und Schwulenstatistiken – nach unten - frisiert, weil man glaubte, durch Publizität würde deren Anziehungskraft nur – noch? – grösser. Das ist natürlich keine positive Einschätzung der Homosexualität, aber doch ein Indiz dafür, dass selbst die Verfolgungsbehörden eine (wenn auch bösartige) verführerische Seite der Homosexualität kannten.

In Italien waren zwar Städte wie Florenz und Venedig besonders hart in der Vefolgung Homosexueller. Zugleich konnten hier Künstler wie Sodoma und Michelangelo ihre Homosexualität mehr oder minder ungestört leben – und „sich outen“: Sodoma hatte richtiggehend Spass an seinem Namen, der nur auf eines zurückzuführen war: Dass man den Maler der Sodomie bezichtigen wollte. Er wendete dies ins Positive und unterschrieb schon einmal eine Steuererklärung mit „Sodoma Sodoma derivatum M. Sodoma“.

Ähnliche Geschichten liessen sich aus England und Frankreich berichten, weniger aus Deutschland: Zur Schweiz habe ich leider gar nichts gefunden. Deutlich ist aber im allgemeinen, dass in manchen Fällen ein Einfluss der „Renaissance“ unverkennbar ist: Die Wiederentdeckung der griechischen Ìdeale hatte sozusagen zu einer scheuklappenfreien Platon-Lektüre geführt, die u.a. auch die homoerotischen Interessen eines Sokrates an den Tag brachte.

Auf Zwingli hatte diese Seite seiner Zeit allerdings keinen Einfluss, obwohl er als „Humanist“ den neuen Ideen zwar nicht unbedingt als zugeneigt aber zumindest als mit ihnen vertraut gelten darf.

Fazit
1. Zwingli hielt Homosexualität für widernatürlich und damit widergöttlich. Allerdings scheint daraus keine massive Homophobie resultiert zu haben. 2. Für Zwingli war die Ehe ein wichtiges (göttliches / soziales) Gefäss, die nicht ganz so gute menschliche Natur und Begierde zu fassen. Auch deshalb konnte er unmöglich etwas Positives an homosexueller Liebe finden: Sie war per definitionem ungezügelt, d.h. sozial schädlich.

Literaturhinweis:
Die Antwort verdankt sich – Zwinglis Ansichten ausgenommen, die habe ich selbst zusammengeklaubt – stark folgendem Buch:
Helmut Blazek, Rosa Zeiten für rosa Liebe - Zur Geschichte der Homosexualität, Fischer, Frankfurt am Main, 1996

Matthias Bachmann am 23. Februar 2000 (bearbeitet)

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Hugenotten

Hugenotten

(vgl. "Bartholomäusnacht")

Als "Hugenotten" wurden die französischen Protestanten bezeichnet. In vielen Städten Frankreichs organisierten sie sich spontan als evangelische Gemeinden, die zunächst unter dem Einfluss lutherischer Schriften und eines biblischen Humanismus standen. Als die Protestanten in Frankreich schon bald der Verfolgung ausgesetzt waren und viele hugenottische Flüchtlinge in
den 1540er und 1550er Jahren in Genf Asyl suchten, gerieten sie unter den Einfluss des dortigen Reformators Johannes Calvin. In dieser Zeit bekam der französische Protestantismus sein calvinistisches Gepräge.Trotz Verfolgung versammelten sich in Frankreich die evangelischen Gemeinden weiterhin, ohne feste Strukturen zu haben. In dieser Situation sahen sich die Protestanten veranlasst, für die evangelischen Kirchen eine Kirchenordnung und ein Glaubensbekenntnis zu finden. So trat 1559 die erste Nationalsynode der reformierten Kirchen Frankreichs zusammen und verabschiedete eine Kirchenordnung und ein Glaubensbekenntnis, die beide mit Calvins Theologie im Einklang standen. Dadurch überwanden die Hugenotten eine grosse Ungewissheit und hatten nun dogmatische kirchenrechtliche Regeln in der Hand. Ein grosses Problem war, dass die Protestanten nirgendwo die Mehrheit bildeten und daher wenig Aussichten auf eine offizielle Anerkennung durch den König hatten. Die Nationalsynode war daher auch ein politischer Akt: Man demonstrierte den Willen, an die Öffentlichkeit zu treten und sich vom Staat anerkennen zu lassen. Seither formierte sich die protestantische Partei, die dieses Ziel verfolgte.

Unter König Heinrich II. (1547 - 1559) erduldeten die Hugenotten grausamste Verfolgung, die unter der Herrschaft Franz II. (1559 - 1560) fortgeführt wurde. Dank der Regentschaft der Königinmutter, Katharina de Medici, kam es vorerst nicht zum Ausbruch eines Religionskrieges. Der wichtigste Versuch einer Versöhnung zwischen Katholiken und Protestanten war das Religionsgespräch von Poissy 1561. Dieses führte zwar zu einem definitiven theologischen Bruch, doch erliess Katharina de Medici 1562 das Edikt von St. Germain, das ein Nebeneinander der beiden Konfessionen anordnete und den Protestanten Freiheiten gewährte. Die Missachtung dieses Edikts, es wurden Hugenotten ermordet, führte zum ersten Religionskrieg, der aus verschiedenen Gründen sehr grausam war:
1) Die Haltung, keinen anderen Glauben zu tolerieren.
2) Verantwortlich für viele Grausamkeiten war auch die Arbeitslosigkeit des Militärs. Ein Krieg gegen Österreich war beendet, und als Ersatz wurde nun ein Bürgerkrieg geführt.
3) Die Protestanten in Frankreich vertraten ein Widerstandsrecht, das sie entschlossen zu den Waffen greifen liess.

Der erste Religionskrieg endete ungünstig für die Hugenotten, während sie dann im zweiten und dritten gar vernichtend geschlagen wurden. Doch dem Admiral Coligny gelang es, den Protestantismus im Westen und Süden Frankreichs sowie im Rhonetal zu festigen. Es folgte eine verhältnismässig friedliche Periode, was Coligny ermöglichte, im Rat des Königs kontinuierlich an Einfluss zu gewinnen. Er wirkte auf eine Beendigung der Bürgerkriege durch die Wiederaufnahme des Kriegs gegen Spanien. Diese Politik missfiel aber der Königinmutter, die daher beschloss, den Admiral ermorden zu lassen. Als der Mordanschlag scheiterte, entschloss man sich zu dem Terrorakt, den gesamten wegen einer Hochzeit in Paris versammelten protestantischen Adel in der Bartholomäusnacht (23.-24. 8. 1572) zu ermorden. Der Pöbel von Paris dehnte das Gemetzel noch weiter aus (3000 oder 4000 Tote in Paris), welches schliesslich auch in den anderen Regionen Frankreichs fortgesetzt wurde (insgesamt etwa 30'000 Tote!).

Trotz dieses brutalen Massakers überlebte der Protestantismus in Frankreich. Einer der hugenottischen Führer, Heinrich von Navarra, wurde 1584 Erbe des französischen Throns. Viele Hugenotten konnten es ihm nie verzeihen, als er 1593 zum Katholizismus übertrat, um die Krone Frankreichs zu bekommen. Als Heinrich IV. erliess er im Jahr 1598 das Edikt von Nantes, das den Hugenotten freie Religionsausübung garantierte.

Ch.Scheidegger am 02. November 2002 (bearb.)

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Huldrych - Ulrich

Huldrych - Ulrich

Ulrich, Huldreich oder Huldrychus?
Auf dem Denkmal und in vielen Publikationen heisst er Ulrich, andere nennen ihn Huldreich, und er selber pflegte mit Huldrych oder Huldrychus zu unterschreiben. - Doch wie hiess er nun wirklich, der vor gut 500 Jahren geborene Zwingli?

Wer glaubt, Huldrych sei die ursprüngliche Form des Vornamens Ulrich, liegt falsch. Zwinglis Taufname war Ulrich (in Anlehnung an den heiligen Ulrich von Augsburg von ca. 930 n. Chr.), sein lebenslanger Rufname soll Ueli oder Uoli gelautet haben. Bereits als Student entwickelte der junge Zwingli jedoch einen ausgeprägten Hang zur Inszenierung seines Vornamens und schrieb sich fortan lateinisiert Udalricus. Später wollte Zwingli offenbar als huldrycher (huldreicher) Mann in die Geschichte eingehen und begann seine Briefe und Übersetzungen mit Huldrychus zu unterschreiben.

Der Zürcher Rat machte bei Zwinglis Namensspielereien allerdings nicht mit. In den Ratsprotokollen blieb er der "Meister Uolrich".

Rea Rother (bearbeitet)

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Humor

Humor bei Zwingli

Hatte Zwingli keinen Humor, keine Lebensfreude?
Nein, lebensfeindlich war Ulrich Zwingli nicht! Er liebte die Schöpfung und die Menschen (wie auch die Musik), wird als volksnah, leutselig und eine offene, fröhliche Natur beschrieben. HUMOR IN DEN VERSCHIEDENSTEN VARIANTEN gehörte zu seinem Wesen; das ist sowohl aus Zeugnissen von Zeitgenossen, als auch aus seinen vielen Briefen und sonstigen Schriften erkennbar.

FRITZ SCHMIDT-CLAUSING hat viele dieser Zeugnisse und Beispiele gesammelt und zusammengestellt in seinem Büchlein "ZWINGLIS HUMOR" (Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main, 1968). Schmidt-Clausing schreibt: "Humorlosigkeit war nicht Zwinglis Sache. Er mochte die frommen Sauertöpfe nicht". Humor kommt für ihn aus dem Glauben, er findet ihn auch in der Schrift. Die HEITERKEIT DES HERZENS ist der wahre Humor, eine Gabe des Heiligen Geistes. Humor stand für Zwingli letzlich im DIENSTE DES ERNSTES, der Verkündigung des Evangeliums und der Sache der Reformation. Deshalb ist sein Humor auch nicht verletzend. Man muss beachten, dass in seiner Zeit sehr direkt und ironisch gegen Gegner polemisiert wurde; wenn er also in seiner manchmal "boshaften" Ironie für unsere Sicht zu weit zu gehen scheint, liegt er absolut im Rahmen der Gepflogenheiten seiner Zeit. Auch Luther und andere Reformatoren sowie v.a. die Humanisten pflegten geradezu einen gewissen polemischen Stil. Schmidt-Clausing: "Was die Grobheit angeht, so darf man das Heute nicht mit dem Damals vergleichen. Gegenüber dem damaligen Grobianismus, ..., war Zwingli ein Waisenkind und gegenüber dem oft recht deftigen Luther eher ein weltmännischer Theologe."

Ein Beispiel für Zwinglis IRONIE: im Zusammenhang mit dem Streit um die Realpräsenz Christi im Abendmahl ruft er im Blick auf Luther aus: "Du guter Gott! Niemand lebt, wenn er dich nicht mit den Zähnen verspeist und mit durstiger Kehle getrunken hat." Neben der Ironie pflegte Zwingli besonders auch das SPIEL MIT NAMEN UND WORTEN (deutsch wie auch lateinisch und griechisch). So nannte er seinen Gegner Thomas Murner in Luzern einen "Murnarr" und den Schwaben Althammer einen "Althammel". Luther wird - wieder im Zusammenhang mit dem Abendmahlsstreit - als "Christoborus, d.h. Christusfresser" bezeichnet. Die Bischöfe, die episcopi (Aufseher), nennt er apiscopi (Wegseher). Den Konstanzer Weihbischof macht er vom (schweizerdeutschen) "wichbischoff" zum "vichbischoff" (Vieh). (Natürlich hatten seine Gegner auch für ihn manche Verdrehung parat, so z.B. wenn sie seine evangelische Ausrichtung als "evanhöllisch" bezeichneten.

Ulrich Zwingli schrieb sogar SATIRISCHE FABELN ("Fabelgedicht vom Ochsen" oder "Der Labyrinth"), z.B. gegen die Reisläuferei (Solddienst). Aber auch an SELBSTIRONIE fehlte es ihm nicht. Obwohl er ein gebildeter, feinsinniger Humanist war, hat er seine "rustikale" Art oft und gern betont; nach einem Kontrollbesuch durch den Weihbischof schrieb er ins Protokoll, er hätte den Bischof mit "Herr Weihbischof" angeredet. Er schrieb dazu in Klammer: "Hier beging ich schon, unklug und bäuerlich wie ich bin, einen tollen Fauxpas; denn man sagt, ich hätte ihn mit "Gnädiger Herr" anreden müssen. Doch ich habe keine Ahnung von der städtischen Art. Ich bin halt ein Bauer."

OSKAR FARNER äussert sich folgendermassen zu Zwingli (Zusammenfassung aus Farner: Huldrych Zwingli: Seine Jugend, Schulzeit und Studentenjahre, 1943):

Der junge Musikant: Die frühesten Biografen Zwinglis heben übereinstimmend hervor, dass den Knaben Ulrich eine "guote Simm und Lust zuo der Musica" und überdurchschnittliche Musikalität auszeichnete. Wohl anfänglich als Autodidakt, in den Studentenjahren dann durch gründlichen Unterricht geschult, spielte er zahlreiche (ca.10) Instrumente. Als kaum Fünfzehnjähriger wird er ins Dominikanerkloster "gelockt" für ein Probejahr; Grund dafür ist sein Aufsehen erregendes musikalisches Können!

Die Lebenshaltung im Elternhaus
Wer unter Lebensfreude allerdings Prunk und Verschwendung versteht, wird bei Zwingli wenig finden. Nicht moralisierende Begründungen dürften hier aber die Quelle bilden: Aufgewachsen ist er in einem Haushalt mit an die zwanzig Personen, untergebracht in einem relativ kleinen Haus: Bescheidenheit, eine genügsame Lebensweise, gehörte da ganz natürlich zum Alltag! Zeitlebens empfand er einen Widerwillen gegen modische Extravaganzen, und er hält stets wenig von hohen Titeln. (So erlaubt er sich in einem Brief an Herzog Johann v. Sachsen, der zugleich auch an Landgraf Philipp v. Hessen gerichtet ist, den Scherz: "Durchlüchtigkeit" sei ja schliesslich "ouch den Glasfensteren eigen.") Er verleugnet auch als Zürcher nicht, dass er ursprünglich ein "Bauer", ein Landei war.

Der Mutterwitz
Auch er gehörte für Zwingli zum Erbe seines Elternhauses und seiner bäuerlichen Toggenburger Jugendheimat. Vom Basler Studenten Zwingli wird berichtet, er sei "aussergewöhnlich amüsant und witzig" gewesen. Aber auch der reife Reformator bringt in seinen Predigten und Schriften die Hörer und Leser immer wieder mit spassigen Wendungen und munteren Anekdoten zum Lachen. Einige "Müsterchen": Einmal wettert er dagegen, dass die Gegner das Gotteswort zum Menschenwort machen, um auf diese Weise um so ungescheuter dagegen losschlagen zu können und bringt dazu den Vergleich: "... einer dorst (durfte) sin Wyb nit schlahen - es war im verbotten -, do nam er sy by der Schuben (Schürze), warff sy die Stägen (Treppe) nider und verantwortet es: er hette die Schuben hinab geworffen." Oder: Man müsse den Irrlehrern ihr Handwerk legen, sonst "wurdind (würden) die Spitzfündigen all Tag Junge oder Eyer haben".

Als älteste Quelle zu Leben und Person Zwinglis sei OSWALD MYCONIUS: "Das älteste Lebensbild Zwinglis" von 1532 empfohlen, in: Ulrich Zwingli, Eine Auswahl aus seinen Schriften, hg. G. Finsler, W. Köhler, A. Rüegg, Zürich 1918.

Zwingli war also durchaus ein sehr humorvoller Mensch. Weshalb dann das Bilder- und Musikverbot in der Kirche? Zwingli wollte, dass das WORT im Zentrum des Gottesdienstes und des Lebens stehen sollte. Er war nicht aus Prinzip gegen Singen, Kunst etc., sondern wollte ganze Sache machen mit der Reformation. Ihn schmerzte der abergläubische Missbrauch z.B. der Bilder in der rein äusserlichen Frömmigkeit. Sein grosses Anliegen war, dass wir als Christen wirklich BEI GOTT SELBST und nicht in vergänglichen, kraftlosen Gegenständen oder Personen das Heil suchen und finden. Sicher lag ihm die Sittlichkeit der Menschen am Herzen, aber viele "puritanische", lebens- und lustfeindliche Tendenzen strömten später, auch durch den Einfluss des Calvinismus, in die reformierte Konfession ein.

Cornelia Schnabel am 23. Juni 1999

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Zwingli - der Zürcher Reformator