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Grossmünster

Grossmünster - Zwinglis Kirche

Das Grossmünster war ursprünglich die Pfarrkirche für das Gebiet zwischen Limmat und Glatt. Bereits im 9. Jahrhundert gab es an dieser Kirche einen Männerkonvent. Die Gründung der Kirche und des Stiftes wurde Kaiser Karl dem Grossen zugeschrieben. Nach der Legende kniete nach einer langen Jagd sein Pferd plötzlich nieder, als es an die Stelle kam, wo die Märtyrer Felix und Regula begraben lagen. Darauf habe Karl der Grosse an eben dieser Stelle das Grossmünster gestiftet.

Der Konvent bestand damals aus Geistlichen, die nach dem Aachener Statut zusammenlebten. Es handelte sich dabei nicht um eine derart strenge Regel wie diejenige der Benediktiner. Die Kleriker, Chorherren genannt, zogen sich nicht hinter Klostermauern zurück. Und anders als die Benediktinerregel verbot das Aachener Statut das Privateigentum nicht.
Unter dem Impuls der Gregorianischen Reform wurde im 11. Jh. für die Chorherrengemeinschaften ein neues Leitbild entwickelt: Das Gemeinschaftsleben sollte durch eine neue Askese reguliert werden (z.B. Besitzlosigkeit). Meistens unterwarfen sich die in diesem Sinn „regulierten“ Chorherrenstifte der Regel des Hl. Augustinus.
Es gab jedoch auch Stifte, die an der alten Ordnung festhielten. Die Chorherren am Grossmünster gehörten zur zweiten Gruppe; sie bildeten ein nicht reguliertes Stift, was man gewöhnlich als „weltliches“ Chorherrenstift bezeichnete.

An der Spitze der Chorherrengemeinschaft stand der Vorsteher (lateinisch „Praepositus“ und davon abgeleitet „Probst“), welchen das Grossmünsterstift durch ein königliches Privileg seit dem 12 Jh. selber wählen durfte. Das gemeinsame Leben der Geistlichen fand im 13. Jh. ein Ende und wich einer blossen Zusammenarbeit. In dieser Zeit wurden die Rechte und Pflichten des Stiftes in Form der Statuten aufgezeichnet und vom Bischof in Konstanz bestätigt. Die Chorherren waren also weder der Regel Benedikts noch der Augustins unterworfen, sondern an die relativ lockeren Stiftsstatuten gebunden.

Das Grossmünsterstift war in wirtschaftlicher Hinsicht durch seinen Grundbesitz (mit gerichtsherrlichen Befugnissen und Zehntenrechten) abgesichert, war von steuerlichen Abgaben befreit und konnte wichtige Beschlüsse selber fassen. Aufgrund dieser weitgehenden Vollmachten könnte man von einem Staat im Staate sprechen. Das Stift war das wichtigste „religiöse Unternehmen“ in Zürich. Nebst dem Probst und den 24 Chorherren gehörten noch 32 Kapläne und nicht zuletzt auch der Volkspriester dazu, Plebanus oder Leutpriester genannt. Der Volkspriester wurde durch das Kapitel (die 24 Chorherren) gewählt. Es handelte sich dabei um einen sehr einflussreichen Posten, da das Amt des Leutpriesters die Nahtstelle zwischen Gemeinde und Stift war. Huldrych Zwingli wurde Ende 1518 vom Kapitel mit 17 gegen 7 Stimmen zum Volkspriester gewählt.

Zu den Aufgaben des Stiftes gehörten die Seelsorge, die Betreuung der Pilger, die Führung einer Lateinschule und die Veranstaltung der zahlreichen Gottesdienste. Zu den Gottesdiensten gehörten Messen, Jahrtage oder das Stundengebet, bestehend aus dem Chorgesang, dem Gebet und den Lesungen. Das Stift unterhielt praktisch ein Dienstleistungsangebot rund um die Uhr mit dem Ziel, der Bevölkerung von Zürich die zum Heil notwendige Gnade zu vermitteln.

Wie und warum organisierte die Reformation das Grossmünsterstift neu?
Zwingli und seine Freunde erhoben den Anspruch, das Evangelium neu entdeckt zu haben. Die wiederentdeckte biblische Lehre machte nach Zwinglis Ansicht die Umstrukturierung des Stiftes von einem Institut der Gnadenvermittlung in eine theologische Schule unumgänglich. Gegen die Neuorientierung des Stifts und den massiven Stellenabbau gab es natürlich auch Protest.

Die katholisch gebliebenen Geistlichen verfassten ein Schreiben an die Regierung, das bis heute nicht veröffentlich worden ist. Darin wurde an die traditionellen Aufgaben des Stifts erinnert: „Was die Zehnten und andere Nutzungsrechte betrifft, die vor vielen Jahren vom heiligen König Karl ... dem genannten Stift gegeben und verliehen wurden, von vielen Päpsten und Kaisern uns [dem Stift] bestätigt wurden, glaubten wir, dass niemand das [zu ändern] sich erdreisten würde, was wir für so lange Zeit auf klarer Rechtsgrundlage und in löblichem Brauch in Besitz gehabt haben. Die Vergabung wurde mit dem Zwecke gemacht, damit an diesem Stift eine bestimmte Anzahl Chorherren dem Herrn diene durch das Singen, das Stundengebet und andere Gottesdienste mehr.“

Die Neuordnung des Stifts wurde trotz den Einwänden eingeleitet. Das Gremium der Chorherren wurde auf zehn Stellen reduziert (die Stellen der Lehrer an der theologischen Schule), behielt jedoch seinen eigenen Wirtschaftskörper und wurde erst im 19. Jh. aufgelöst. Die Umstrukturierung des alten Grossmünsterstiftes in eine theologische Schule mit hohem wissenschaftlichen Niveau erntete vielerorts grosse Bewunderung und wurde in anderen europäischen Städten nachgeahmt.

Ch. Scheidegger am 10. Juli 2001 (bearb.)

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