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Gegner und Probleme

Gegner und Probleme bei Zwinglis Reformation

Zwingli sah sich in Zürich mit unzähligen Problemen konfrontiert; hier seien nur einige wenige skizziert, die mit dem Widerstand gegen die Reformation in Zusammenhang standen.

Zwinglis Predigt des Evangeliums löste schon bald unter einigen seiner Zuhörer den Wunsch aus, das Leben und die Kirche so zu verändern, dass beides der gepredigten biblischen Lehre entspräche. Die neue Predigt und die Änderungsbegehren erregten bald den Widerstand der „Altgläubigen“, jener, die an den traditionellen kirchlichen Lehren und am bisherigen Gesellschaftsmodell festhalten wollten. Schon bald bekam Zwingli auch den Widerstand von anderen Seiten zu spüren.

BISCHOF
Als in der Fastenzeit Zwingli die christliche Freiheit gegenüber menschlichen Fastenvorschriften verkündete und eine Gruppe mit einem demonstrativen Wurstessen das kirchliche Fastengebot brach (1522), reagierte der Bischof in Konstanz mit der Verordnung, Zürich solle keine Neuerungen einführen und Streitfragen einem Konzil anvertrauen. Noch im Jahr 1522 wurden von der Bibel her neben dem Fasten auch die Anrufung der Heiligen, der Ablass und der Zölibat in Frage gestellt; Zwingli bat den Bischof schriftlich, die Priesterehe und die Predigt des Evangeliums freizugeben. Stattdessen befahl der Bischof Zürich, die kirchliche Ordnung einzuhalten. Der Zürcher Reformator wandte sich mit seinem Vorschlag an den Bischof in Konstanz, weil dieser als der Vertreter Roms der Stadt Zürich in kirchlichen Dingen vorstand. Die Befugnis, an der kirchlichen Lehre oder den kirchlichen Gebräuchen etwas zu ändern, stand nur Rom oder einem Konzil zu.

Weil sich jedoch nichts bewegte, entschied sich der Zürcher Rat, die Dinge selber in die Hand zu nehmen. Nicht nur weil die Fragen des Fastens, des Zölibats usw. seitens des Bischofs nicht beantwortet wurden, sondern auch aus dem Grund, dass Zwingli der Ketzerei beschuldigt wurde, schrieb der Rat auf anfangs 1523 ein Streitgespräch aus, zu welchem Vertreter der neuen Lehre und jene der kirchlichen Tradition (auch der Bischof) eingeladen waren. Als Gesprächsgrundlage sollte allein die Bibel dienen, und nach Anhörung beider Parteien wollte der Rat die Entscheidung fällen.

Hier hatte sich eine grosse Veränderung vollzogen: Die Zürcher Regierung (Kleiner und Grosser Rat) hatte als Diskussionsgrundlage für Fragen betreffs der Lehre und der kirchlichen Praxis die Bibel festgelegt. Das war neu. Denn bisher musste man sich mit solchen Anliegen an den Bischof wenden, was Zwingli anfangs ja auch getan hatte.

Die Regierung entschied sich nach Beendigung der Disputation für eine Verordnung, wonach das Evangelium zu predigen sei. Zwingli hatte vorerst gewonnen, während der Bischof durch diesen Schritt in die Defensive gedrängt war.

ALTGLÄUBIGER KLERUS
Nicht nur der Bischof, sondern auch viele unter den Geistlichen in Zürich traten für die alten kirchlichen Traditionen ein. In Zürich gab es zur Reformationszeit rund 500 klerikale Personen, was fast 10% der gesamten Stadtbevölkerung entsprach. Zwingli selber gehörte einer Kongregation von Weltgeistlichen (Chorherren) an, die zum Teil entschieden ihre kirchlichen Aufgaben (z.B. täglich sieben Gottesdienste in lateinischer Sprache zu feiern) verteidigten. Bei diesem Festhalten dürften nebst echter religiöser Überzeugung bei manchen auch das angenehme Einkommen eine Rolle gespielt haben, v.a. bei jenen, welche ihre Aufgaben durch billige Stellvertreter erledigen liessen, selber aber das Geld aus der Pfründe kassierten.

Zwingli wollte auch hier eingreifen: Die Geistlichen sollten abgeschafft werden, da alle Christen Priester seien und folglich keine teuer bezahlten Geistlichen bräuchten, die den Laien Gottes Gnade vermittelten. Nur gerade so viele Stellen sollten weiter besetzt bleiben, wie zur Verkündigung des Evangeliums nötig wären. Im Fall der Chorherren folgte die oligarchische Regierung in Zürich dem Rat Zwinglis und beschloss die Stellen mit dem Ableben der Stelleninhaber abzubauen. Dem Vorschlag der altgläubigen Chorherren, an den herkömmlichen Gottesdiensten festzuhalten und also keine Stellen zu streichen, wurde keine Beachtung geschenkt, weil die Altgläubigen mit der kirchlichen Tradition argumentierten. Zwingli und die Anhänger der neuen Lehre hingegen begründeten ihren Plan der Umstrukturierung auf der Grundlage der Bibel. Als dann die Reformen tatsächlich gestartet wurden und inzwischen noch weitere reformatorische Neuerungen eingeführt werden sollten, gaben die altgläubigen Kleriker ihren Kampf gegen die neue Lehre auf und verliessen Zürich.

BAUERN UND TÄUFER
Die neue Verkündigung erreichte immer breitere Gesellschaftsschichten und löste auf dem Land eine Bewegung aus, die bald eigendynamische Wirkung entfaltete. Viele Bauern folgten Zwinglis Predigt des Evangeliums und drohten, in Zukunft den Zehnten (Kirchensteuer) nicht mehr zu bezahlen, weil nach dem Abbau der überflüssigen kirchlichen Stellen dieser nicht mehr gebraucht würde und sie selber für die Besoldung ihres Pfarrers aufkommen würden.

Zwingli stand zwischen zwei Fronten: die Bauern auf der einen Seite und die Altgläubigen, welche jegliche Reformen verhindern wollten, auf der anderen. Er reagierte mit der Predigt „Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit“: Er wies die Bauern darauf hin, sie sollten das bestehende Recht nicht einfach mit einer Steuerverweigerung übergehen (menschliche Gerechtigkeit); und den Ratsherren schärfte er ein, endlich Reformen durchzuführen, um die schlechten Zustände zu verbessern (göttliche Gerechtigkeit).

Nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt gab es solche, die auf rasche, biblische Veränderungen drangen. Diese Radikalen forderten schon bald die sofortige Entfernung der Bilder aus den Kirchen (die dahinterstehende Frage lautete: was ist die biblische Anbetung Gottes?), die Abschaffung der Messe und stattdessen die Einführung des Abendmahls. Auf ihren Druck hin kam es zu einem weiteren grossen Streitgespräch, das mit der Entscheidung der Regierung endete, die anstehenden reformatorischen Neuerungen in einem langsamen Tempo einzuführen.

Man sieht: Zwingli löste das Problem erneut mithilfe des Rates. Und das missfiel den Radikalen. Sie gelangten zu der Überzeugung, dass sich die weltliche Obrigkeit nicht in kirchliche Belange einmischen dürfe. Als sie schon wenig später auch die Kindertaufe verwarfen und die Praxis der Erwachsenentaufe verlangten, kam es zwischen ihnen und Zwingli zu einem definitiven Bruch.

Die Täufer - wie die Radikalen von nun an genannt wurden - gingen fortan ihren Weg unabhängig von der grossen Kirche in Zürich. Zwingli konnte dieses Problem nie lösen, denn auch durch die brutale Massnahme, den Führern der Täufer die Todesstrafe anzudrohen - die in wenigen Fällen auch vollstreckt wurde -, blieben die Täufer entschieden bei ihrem Glauben. Und sie flohen in der Regel auch nicht aus dem Zürcher Territorium, wie es die Altgläubigen taten.

Anders als diese hatten die Täufer (fast) keinen Ort, wo man sie und ihren Glauben tolerierte.
Zur gleichen Zeit formierte sich um die Gruppen, die einst den Zehnten verweigerten, die Bewegung neu mit zahleichen, biblisch begründeten Forderungen, die nicht nur kirchliche Dinge betrafen (z.B. das Recht, den Pfarrer selber wählen zu können), sondern auch politische (Verbot des Reislaufens und Aufhebung der Leibeigenschaft). Der Rat vermochte auch hier den Konflikt mit Kompromissen zu lösen, so dass es hier nicht zu einem „Bauernkrieg“ kam.

POLITISCHER WIDERSTAND
Widerstand gegen Zwingli und die Reformation regte sich auch unter den politischen Gegnern. Diese wollten die einträglichen Einkünfte aus der Vermittlung von Söldnern an fremde Mächte nicht verlieren. Zwingli pochte jedoch schon längere Zeit auf ein Verbot des Solddienstes (Reislaufen). Ein solches trat für kurze Zeit auch in Kraft.

Ein weiteres Problem war die allmähliche politische Isolierung Zürichs innerhalb der Eidgenossenschaft. Die alten katholisch gebliebenen Orte machten Druck auf Zürich, u.a. mit der Aktion der Badener Disputation. Die Katholischen konnten auf ihrer Seite die beiden theologischen Schwergewichte Johannes Eck und Johannes Faber für das Streitgespräch gewinnen: Diese sollten Zwinglis Ketzerei beweisen. Insgesamt vermochte die Badener Disputation der Reformation in den Schweizer Städten keinen Schaden zuzufügen.

Das Problem v.a. zwischen Zürich und den alten katholischen Orten blieb jedoch ungelöst und führte schliesslich zu den beiden Kappeler Kriegen (siehe Art. "Kappel" und "Krieg").

DAS RINGEN UM ANERKENNUNG
Grosse Mühe bereitete Zwingli auch, dass sein Name von Anfang an mit den Täufern und/oder den revoltierenden Bauern in Verbindung gebracht wurde. Der Zürcher Reformator war ständig bemüht, sich vom Makel der Ketzerei und des Aufruhrs zu befreien.

Martin Luther sah trotz allen Rechfertigungsbemühungen Zwinglis in ihm einen Ketzer; kein Wunder, kam es in Marburg 1529 unter diesen Voraussetzung zu keiner (vollständigen) Einigung zwischen den beiden grossen Reformatoren.

Während dem Zürcher Reformator in Wittenberg die Anerkennung versagt blieb, erlangte er in den evangelischen Städten der Eidgenossenschaft und in Süddeutschland grosses Ansehen.

Noch sein Nachfolger Heinrich Bullinger versuchte zeitlebens nachzuweisen, dass die Zürcher Kirche nicht eine Sekte, sondern Teil der wahren katholischen (=weltweiten) Kirche sei.

Ch. Scheidegger am 07. März 2001 (bearb.)

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Grossmünster

Grossmünster - Zwinglis Kirche

Das Grossmünster war ursprünglich die Pfarrkirche für das Gebiet zwischen Limmat und Glatt. Bereits im 9. Jahrhundert gab es an dieser Kirche einen Männerkonvent. Die Gründung der Kirche und des Stiftes wurde Kaiser Karl dem Grossen zugeschrieben. Nach der Legende kniete nach einer langen Jagd sein Pferd plötzlich nieder, als es an die Stelle kam, wo die Märtyrer Felix und Regula begraben lagen. Darauf habe Karl der Grosse an eben dieser Stelle das Grossmünster gestiftet.

Der Konvent bestand damals aus Geistlichen, die nach dem Aachener Statut zusammenlebten. Es handelte sich dabei nicht um eine derart strenge Regel wie diejenige der Benediktiner. Die Kleriker, Chorherren genannt, zogen sich nicht hinter Klostermauern zurück. Und anders als die Benediktinerregel verbot das Aachener Statut das Privateigentum nicht.
Unter dem Impuls der Gregorianischen Reform wurde im 11. Jh. für die Chorherrengemeinschaften ein neues Leitbild entwickelt: Das Gemeinschaftsleben sollte durch eine neue Askese reguliert werden (z.B. Besitzlosigkeit). Meistens unterwarfen sich die in diesem Sinn „regulierten“ Chorherrenstifte der Regel des Hl. Augustinus.
Es gab jedoch auch Stifte, die an der alten Ordnung festhielten. Die Chorherren am Grossmünster gehörten zur zweiten Gruppe; sie bildeten ein nicht reguliertes Stift, was man gewöhnlich als „weltliches“ Chorherrenstift bezeichnete.

An der Spitze der Chorherrengemeinschaft stand der Vorsteher (lateinisch „Praepositus“ und davon abgeleitet „Probst“), welchen das Grossmünsterstift durch ein königliches Privileg seit dem 12 Jh. selber wählen durfte. Das gemeinsame Leben der Geistlichen fand im 13. Jh. ein Ende und wich einer blossen Zusammenarbeit. In dieser Zeit wurden die Rechte und Pflichten des Stiftes in Form der Statuten aufgezeichnet und vom Bischof in Konstanz bestätigt. Die Chorherren waren also weder der Regel Benedikts noch der Augustins unterworfen, sondern an die relativ lockeren Stiftsstatuten gebunden.

Das Grossmünsterstift war in wirtschaftlicher Hinsicht durch seinen Grundbesitz (mit gerichtsherrlichen Befugnissen und Zehntenrechten) abgesichert, war von steuerlichen Abgaben befreit und konnte wichtige Beschlüsse selber fassen. Aufgrund dieser weitgehenden Vollmachten könnte man von einem Staat im Staate sprechen. Das Stift war das wichtigste „religiöse Unternehmen“ in Zürich. Nebst dem Probst und den 24 Chorherren gehörten noch 32 Kapläne und nicht zuletzt auch der Volkspriester dazu, Plebanus oder Leutpriester genannt. Der Volkspriester wurde durch das Kapitel (die 24 Chorherren) gewählt. Es handelte sich dabei um einen sehr einflussreichen Posten, da das Amt des Leutpriesters die Nahtstelle zwischen Gemeinde und Stift war. Huldrych Zwingli wurde Ende 1518 vom Kapitel mit 17 gegen 7 Stimmen zum Volkspriester gewählt.

Zu den Aufgaben des Stiftes gehörten die Seelsorge, die Betreuung der Pilger, die Führung einer Lateinschule und die Veranstaltung der zahlreichen Gottesdienste. Zu den Gottesdiensten gehörten Messen, Jahrtage oder das Stundengebet, bestehend aus dem Chorgesang, dem Gebet und den Lesungen. Das Stift unterhielt praktisch ein Dienstleistungsangebot rund um die Uhr mit dem Ziel, der Bevölkerung von Zürich die zum Heil notwendige Gnade zu vermitteln.

Wie und warum organisierte die Reformation das Grossmünsterstift neu?
Zwingli und seine Freunde erhoben den Anspruch, das Evangelium neu entdeckt zu haben. Die wiederentdeckte biblische Lehre machte nach Zwinglis Ansicht die Umstrukturierung des Stiftes von einem Institut der Gnadenvermittlung in eine theologische Schule unumgänglich. Gegen die Neuorientierung des Stifts und den massiven Stellenabbau gab es natürlich auch Protest.

Die katholisch gebliebenen Geistlichen verfassten ein Schreiben an die Regierung, das bis heute nicht veröffentlich worden ist. Darin wurde an die traditionellen Aufgaben des Stifts erinnert: „Was die Zehnten und andere Nutzungsrechte betrifft, die vor vielen Jahren vom heiligen König Karl ... dem genannten Stift gegeben und verliehen wurden, von vielen Päpsten und Kaisern uns [dem Stift] bestätigt wurden, glaubten wir, dass niemand das [zu ändern] sich erdreisten würde, was wir für so lange Zeit auf klarer Rechtsgrundlage und in löblichem Brauch in Besitz gehabt haben. Die Vergabung wurde mit dem Zwecke gemacht, damit an diesem Stift eine bestimmte Anzahl Chorherren dem Herrn diene durch das Singen, das Stundengebet und andere Gottesdienste mehr.“

Die Neuordnung des Stifts wurde trotz den Einwänden eingeleitet. Das Gremium der Chorherren wurde auf zehn Stellen reduziert (die Stellen der Lehrer an der theologischen Schule), behielt jedoch seinen eigenen Wirtschaftskörper und wurde erst im 19. Jh. aufgelöst. Die Umstrukturierung des alten Grossmünsterstiftes in eine theologische Schule mit hohem wissenschaftlichen Niveau erntete vielerorts grosse Bewunderung und wurde in anderen europäischen Städten nachgeahmt.

Ch. Scheidegger am 10. Juli 2001 (bearb.)

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