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Familie

Zwinglis Familie - Herkunft und Nachkommen

Huldrych Zwinglis Eltern - Seine Wohnorte
Seine Mutter, Margaretha geborene Bruggmann, und sein Vater, Ulrich Zwingli, zogen den Jungen in Wildhaus (Toggenburg) auf, wo der Vater als Ammann (Bürgermeister) amtete. Bald schon, mit sechs Jahren, kam er aber aus Wildhaus zu seinem Onkel, einem Pfarrer, in Weesen am Walensee. Dort besuchte er die Dorfschule. Als Jugendlicher wurde er zur Ausbildung weiter nach Bern gewiesen. Als er dort beinahe im Kloster gelandet wäre, schickten ihn sein Vater und Onkel nach Wien an die Universität. Auch in Basel studierte er nachher. Als 23jähriger wurde er an die Kirchgemeinde Glarus als Pfarrer gewählt, arbeitete nachher drei Jahre als Leutpriester in Einsiedeln und lebte dann - von seiner Berufung ans Grossmünster 1519 bis zu seinem Tod - in Zürich, seinem Hauptwirkungsfeld.

Zwinglis Nachkommen
Mit der Generation der Urenkel starben die Nachkommen des Reformators, die den Namen Zwingli trugen, aus. Alle heute lebenden Nachkommen Zwinglis stammen von Töchtern der drei ersten Ulriche (Reformator, Sohn, Enkel) her und zwar der weitaus grösste Teil von des Reformators Tochter Regula. Namen wie z.B. die Zürcher Simmler, Waser, Welti (-Furrer), Sprüngli, gehören hierhin.

Jene Zwingli, die später eine ganze Reihe Pfarrer hervorbrachten, stammen also nicht vom Reformator ab, sondern von einem andern Zweig von Zwinglis, der schon vor der Reformation nach Elgg gelangte und ursprünglich wohl zum gleichen Stamm wie die Toggenburger gehörte.

Gab der Reformator ein "Pfarrer-Gen" weiter? Auf den ersten Blick scheint es so. Bis etwa 1800 erscheinen unter den bekannten Nachkommen 146 Geistliche, dazu haben über hundert weibliche Nachkommen Pfarrer geheiratet und ebensoviele Pfarrerssöhne. Jede fünfte bekannte Nachkommenfamilie vor 1800 ist geistlichen Standes. - Jedoch für Zürich fällt das nicht gross aus dem Rahmen. Es scheint eine regelrechte "Verpfarrerung" der Stadt gegeben zu haben im 17./18. Jh.: jeder zehnte bis zwölfte (männliche) Stadtbürger war ein (reformierter) Geistlicher!

Die Frage, ob Ulrich und Anna Nachkommen hatten, "möglicherweise bis zum heutigen Tag" kann also mit Ja beantwortet werden. Nach verschiedenen Berechnungen müssten es heute einige Zehntausend sein.

Literatur: W.H. Ruoff: Nachfahren Ulrich Zwinglis. Bern, 1937.

Zwinglis Taufe:
Huldrych Zwinglis Geburtstag und Taufe sind in keiner zeitgenössischen Urkunde festgehalten; vom Eintrag in ein Taufregister war zu jener Zeit noch keine Rede. Geboren am Neujahrstag des Jahres 1484 (dies ist aufgrund späterer Dokumente unbezweifelt), wurde er sicher in jenem Januar noch getauft. Wo und durch wen ist unsicher. Lange galt für selbstverständlich, dass er in der Kirche seines Wildhauser Heimatdorfes durch seinen Onkel Bartholomäus Zwingli getauft worden sei. Wahrscheinlicher ist aber, dass man im Januar in Wildhaus noch gar keinen eigenen Pfarrer besass (Bartholomäus kam "im Jahr 1484", kaum aber schon am 1.Jan.). Bis just 1484 musste man sich für Taufe, Eheschluss und Bestattung in den fast zwei Stunden entfernten Hauptort Gams hinunter bequemem. Dabei dürfte auch der kleine Ulrich keine Ausnahme gebildet haben.

C. Schnabel am 24. November (bearbeitet)

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Fasten

Fasten - allgemein und bei Zwingli

Fasten
bezeichnet die Enthaltsamkeit von allen oder von bestimmten Nahrungsmitteln. Die Praxis des Fastens ist im Zusammenhang mit dem religiösen Leben in den meisten Religionen verbreitet (Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus). Ursprünglich war das Fasten ein religiöses Ritual, bei dem die körperliche Tätigkeit allgemein eingeschränkt oder ganz eingestellt wurde. Dies führte zu einem Zustand der Ruhe, der einem symbolischen Tod oder dem Zustand vor der Geburt vergleichbar sein sollte.

In vielen alten Kulturen war das Fasten ein Teil des Fruchtbarkeitsritus, der zur Zeit der Sonnenwende abgehalten wurde. Auch der Verzehr von ungesäuertem Brot (Matze) beim jüdischen Passahfest im Frühling sowie die Fastenzeit, die viele Christen als Vorbereitung auf Ostern einhalten, soll auf die alten Rituale zurückgehen. Die Juden fasten jedes Jahr anlässlich des Versöhnungsfestes (Jom Kippur) als Busse und Reinigung. Der islamische Fastenmonat Ramadan, während dessen die Gläubigen tagsüber fasten und erst nach Einbruch der Dunkelheit essen und trinken dürfen, gilt ebenfalls als eine Form der Busse.

Auch bei den ersten Christen galt das Fasten als Form der Sühne und Reinigung (MatthäusEV 6,16 und MarkusEV 9, 29). In den ersten 200 Jahren der christlichen Kirche diente das Fasten als freiwillige Vorbereitung auf die Sakramente der heiligen Kommunion/Eucharistie und der Taufe sowie als Vorbereitung auf die Ordination ("Weihe") eines Priesters. Erst später wurden diese und andere im Lauf der Zeit eingeführte Fastenzeiten obligatorisch.

Im 6. Jahrhundert wurde die Fastenzeit im Frühjahr verlängert. Aus den ursprünglichen 40 Stunden, der Zeit, die Christus in seinem Grab blieb, wurden 40 Tage vor Ostern, wobei an jedem Tag nur eine Mahlzeit verzehrt werden durfte. An diese vorösterliche Fastenzeit knüpfen heutige "Fasten-Aktionen" an, die statt der völligen Abstinenz den Verzicht bestimmter Nahrungsmittel bzw. Verhaltensweisen propagieren (Z.B. betont das Blaue Kreuz jedes Jahr ein bestimmtes Suchtverhalten, vgl. auch die Fasten-Aktion "Medienverzicht" in Deutschland).

Schon seit frühester Zeit hat es auch Kritik am Fasten gegeben. Einige Propheten des Alten Testaments wie auch Schriften des frühen Christentums verurteilten den Missbrauch des Fastens durch Menschen, die ein unmoralisches Leben führten und das Fasten zur hohlen Form verkommen ließen.

Fasten ist zwar nicht unbiblisch und für den Theologen Zwingli sicher auch aus eigener Erfahrung nichts Unbekanntes. Aber "Kein Christ ist zu den Werken, die Gott nicht geboten hat, verpflichtet. Er darf also zu jeder Zeit jegliche Speise essen." (67 Schlussreden, 1523). Er darf, aber er muss nicht. Zwingli gewichtet hier die "evangelische Freiheit des Christenmenschen" höher als die kirchlichen Verbote und Traditionen. Frei interpretiert: Wem das Fasten hilft, zu Gott zu kommen, der faste. Wer auch ohne Fasten die Ruhe, Tiefe und Zeit hat, zu Gott zu finden, der faste nicht.

Matthias Reuter (bearbeitet)

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Freiheit

Freiheit

"Souverän ist jeder, der niemand ausser Gott über sich hat." Wenn diese einfache, klassische Definition (Jean Bodin) stimmt, dann liegt in der unmittelbaren Bindung des Christen an den Gott der Bibel ein Element der Souveränität und Freiheit. Um diese Bindung wird es bei Zwingli immer wieder gehen, wenn er von Freiheit spricht.

Wenn wir nach dem Freiheitsbegriff bei Zwingli fragen, springen wir in eine von unserer grundsätzlich verschiedene Epoche, in der die erst in der Aufklärung beginnenden Menschenrechte (persönliche Rechte des Individuums) noch nicht vorhanden waren. Die Sozialordnung des Mittelalters und noch der Reformationszeit war durchaus herrschaftlich, monarchisch, patriarchalisch, autoritär und auf der Ebene von Gemeinde und Familie kollektivistisch. Das Individuum hatte in ihr keine besonderen Rechte. Die Reformatoren haben sich im Prinzip nicht gegen diese weltliche Ordnung gerichtet - sie bringen aber biblische Gedanken aufs Tapet, die diese Ordnung sprengen könnten. Für sie stand nicht die Stellung des einzelnen Menschen zur Herrschaft und zur Gesellschaft im Vordergrund des Interesses, sondern sein Verhältnis zu Gott. - Soviel zur Welt, in der Zwingli steht, wenn er von "Freiheit" redet.

Welche Ansätze finden sich bei Zwingli, die eine Vorstellung von "persönlicher" Freiheit überhaupt ermöglichen und in welchen Zusammenhängen spricht er von Freiheit?

Es ist der starke Einfluss von Erasmus, der Zwingli das Ideal des individualistisch-weltbürgerlichen Gelehrten nahegebracht hat. Dadurch ergab sich eine kritisch-reformerische Einstellung gegenüber der römischen Kirche, während man Zwinglis Auffassung von Widerstandsrecht und Widerstandspflicht gegen die weltliche Obrigkeit wohl auch der schweizerischen Tradition zuschreiben muss, die sich bei ihm zu einem christlich geprägten humanistischen Patriotismus entwickelte.

Zentrale Punkte in Zwinglis Theologie ermöglichen eine grössere persönliche Freiheit der Institution Kirche gegenüber:

· Rechtfertigung allein aus dem Glauben: Das macht den Glauben zu einer persönlichen Sache des Einzelnen, der allein vor Gott steht und keiner Hilfe durch eine vermittelnde Heilsanstalt oder eine kirchliche Lehrautorität bedarf. Der Blick auf Jesus als den, der sich dem einzelnen Menschen zuwendet, ist Grundlage der Freiheit, wie sie die Reformatoren verstanden. Die Erkenntnis, dass die Rechtfertigung allein aus der Gnade Gottes kommt, schwächt die Macht der kirchlichen Autorität. Wenn der gläubige Mensch die Gnade persönlich von Gott empfängt, dann benötigt er keinen sakralen Apparat.
So predigt Zwingli jenen, die diese reformierte Lehre eingeführt haben, standhaft zu bleiben in der neu geschenkten Freiheit (ZwS IV,85-91): "Lasst euch nicht mehr ins Joch der Hörigkeit und der Sklaverei einspannen" (Gal 5). "Ihr wisst, wieviel Gewissenskonflikte wir durchlitten, als sie uns von einer falschen Hoffnung zur andern, von einer Vorschrift zur nächsten führten, womit sie unser Gewissen nur noch beschwerten, nicht befreiten und zuversichtlich stimmten. Jetzt aber seht ihr, wie viel Freiheit und Zuversicht ihr habt in der neuen Erkenntnis und im Vertrauen auf Gott allein (...) Von dieser Freiheit und Erlösung der Seele lasst euch nie mehr abbringen!"

Mit dieser Gewissensfreiheit hängt auch eine "evangelische Freiheit" zusammen, weil Christus "das Ende des Gesetzes" ist (Röm 10,4): Für wen wie für Zwingli gilt "Christus ist die Freiheit", dem gilt auch: "Der Geist Gottes lässt ihn auf alles Lust haben, was Gott will." - "Wer aber durch das Evangelium nicht frei gemacht ist, den belastet jedes Gebot", er ist unfrei, der Sünde verkauft. Christus ist das Ende des Gesetzes (Röm 10,4). - Sogleich wird aber klargestellt: "Von weltlichen Gesetzen reden wir hier nicht" (ZwS II,95-98).

· Der Christ steht vor Gott allein: Das hatte die persönliche Verantwortung des einzelnen zur Folge und setzte eine Personalität voraus, wie sie das Mittelalter mit seiner herrschaftlichen und kollektivistischen Struktur nicht kannte. Der unmittelbare Zugang zur Bibel brachte dem einzelnen Christen Gottes Wort ganz persönlich nahe und überliess es ihm zu individueller Auslegung (unter persönlicher Anleitung des Geistes): "Jeder, der nach himmlischer Lehre und dem Wort Gottes verlangt, der wird es erhalten" (ZwS I,126). Hier liegen Ansätze für ein individuelles Glaubensleben. Später kann sich dies zu Individualismus auch im weltlichen Bereich ausbreiten. Damit verbunden ist ein weiterer Punkt:

· Allgemeines Priestertum: Der Christ braucht keinen Priester, der ihm die Verbindung zu Gott herstellt. Das bedeutete Freiheit von jeder Hierarchie und die grundsätzliche Gleichheit aller Gläubigen vor Gott. "Ihr müsst 'theodidacti', das heisst von Gott, nicht von Menschen Belehrte sein" (ZwS I,146), denn Gottes Wort kann gut verstanden werden, selbst ohne menschliche Unterweisung, es erleuchtet alle Menschen. (ZwS I,132f.) - Was für Zwingli allerdings keineswegs heisst, dass die Predigt deswegen unnötig würde! Aber sie wird hinterfragbar für jeden, der sie mit Hilfe des Geistes hört.

Aus all dem ergibt sich allgemein eine Freiheit gegenüber Menschenlehren. Auch z.B. gegenüber vorgeschriebenen heiligen Orten, Feiertagen oder Fastengesetzen: "Zeit und Ort sind dem Christen unterworfen und nicht umgekehrt." Wer die Gnade Gottes an bestimmte Örtlichkeiten bindet, handelt närrisch, denn: "An jedem Ort der Erde, an dem Gott angerufen wird, ist er gegenwärtig." Die "Anbinder Gottes" sind falsche Christen. Es ist klar, dass, "die, welche Gott an Ort und Zeit binden, die Christen ihrer Freiheit berauben" (ZwS II,289-292).

Wo Zwingli über die Freiheit gegenüber der weltlichen Obrigkeit redet, hängt dies mit der beschriebenen christlichen Freiheit zusammen. Widerstand ist grundsätzlich dort erlaubt, wo weltliche Obrigkeit die Bürger/Christen eben darin beschneidet.

Doch zuerst: Wie versteht Zwingli das Amt der Obrigkeit überhaupt?
Eigentlich ist die weltliche Gewalt eine Art Notlösung; notwendig wegen der Sündhaftigkeit des Menschen, die die Nächstenliebe mit Füssen tritt. Zwingli nennt das Amt der Obrigkeit das "leibliche" Regiment. Seine Herrschaft geht nur über alle zeitlichen, irdischen Güter.

Das bedeutet erstens: Das obrigkeitliche Amt ist begrenzt, es reicht nicht in das geistliche Gebiet hinein. Seine Gerechtigkeit ist nur eine äussere. So muss sich die Obrigkeit mit dem äusseren Gehorsam zufrieden geben. Auch mit Zwang kann sie nur den Körper, nicht aber die Seele unterwerfen; die Sphäre des Glaubens und der Gesinnung sind ihr nicht zugänglich.

Und das bedeutet zweitens: Über das weltliche Gebiet herrscht die Obrigkeit ungehindert, da das Amt der geistlichen Gewalt den inneren Menschen betrifft und sich nicht in weltliche Händel einmischen soll. In allen zeitlichen Dingen muss sich die geistliche Obrigkeit der weltlichen unterwerfen (z.B. Steuern).

Die weltliche Obrigkeit hat das Recht und die Pflicht, für das Wohlergehen der Bürger zu sorgen (z.B. Armenpflege), Ordnung zu bewahren und deshalb auch das Unrecht zu bestrafen. Sie hat das Eigentum der Untertanen zu verteidigen und Schwache zu schützen.
Zentral ist dabei: Die Obrigkeit ist Werkzeug Gottes; sie soll immer aus der christlichen Liebesgesinnung heraus handeln. Erst das Pflichtverhältnis Gott gegenüber verleiht der Obrigkeit ihre Würde.

(Ab ca. 1526/7 verändert sich Zwinglis Ansicht: Das Amt der weltlichen Obrigkeit dehnt sich durch das Fallen der Schranken zwischen Geistlichem und Weltlichem immer mehr auch auf das geistliche Gebiet aus. Die Grenze ist nicht mehr so klar.)

Widerstandsrecht:
In Zwinglis Auffassung begegnen sich 1. das christliche und 2. das germanisch-weltliche Widerstandsrecht, d.h. religiöse und weltlich-staatsrechtliche Gedanken. Er bringt die beiden Anschauungen nicht zu einem Ausgleich, manchmal überwiegt diese, mal jene:

1. Dem christlichen Widerstandsrecht liegen die Sätze zugrunde (Röm 13), dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen und ferner: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Andererseits lehrt das Christentum das Gebot, alle Obrigkeit sei von Gott und wer ihr widerstehe, widerstehe der Gottesordnung. Daraus folgt unbedingter Gehorsam.
Sobald jedoch die Obrigkeit etwas gebietet, das dem christlichen Glauben entgegensteht, ist der Christ verpflichtet, der Obrigkeit zu widerstehen, und wenn es ihn das Leben kosten sollte. Verbietet die Obrigkeit die Verkündigung des Evangeliums, so soll es dennoch verkündet werden. Das bedeutet: unbedingte Pflicht des Widerstandes gegen die Obrigkeit in Glaubenssachen.

Da aber jede Obrigkeit von Gott gesetzt ist, schliesst Zwingli das aktive Widerstandsrecht aus und lehrt den duldenden und leidenden Gehorsam. - Die Spannung zwischen Gehorsam gegen die Obrigkeit und Widerstand in Glaubenssachen versucht er dadurch zu lösen, dass er auch das germanisch-weltliche Widerstandsrecht lehrt:

2. Zwingli kennt den Gedanken des bewaffneten Widerstandes aus dem germanischen Recht. Er gesteht dem Volk das Recht zu, die ungerechte Obrigkeit abzusetzen, sogar mit Waffengewalt. Aber NICHT der Einzelne besitzt das Recht des Widerstandes. Kein Einzelner hat das Recht, einen Tyrannen zu ermorden, da dies Unruhe stiftet. Auch kennt Zwingli kein auf Naturrecht begründetes oder sonstwie individuelles Revolutionsrecht.

Fazit: So treffen sich bei Zwingli die christliche Lehre (Verhältnis zwischen Herrscher und Volk: Gehorsam) vom leidenden Gehorsam und die germanisch-weltliche Lehre (Verhältnis: gegenseitige Treue) vom bewaffneten Widerstand. - Praktisch ist die Bedeutung der Lehre vom Recht des bewaffneten Widerstands für Zwingli persönlich nie drängend geworden, die Frage des Widerstandsrechtes blieb bei ihm theoretische Erörterung.

In der Schrift "Göttliche und menschliche Gerechtigkeit" (1523) wird das Thema der christlichen Freiheit gegenüber der Obrigkeit eingehend behandelt. Lassen wir sie auszugsweise zu Wort kommen:
Ausgehend von Röm 13,1-7 sagt diese Schrift, dass alle Menschen der Obrigkeit gehorsam sein sollen, da alle Obrigkeit von Gott sei. "Daraus merken wir, dass auch die bösen, gottlosen Oberen von Gott sind; gibt doch Gott solche Oberen, um unsere Sünde zu strafen." Auch ihnen gegenüber ist Gehorsam befohlen. (Hier ist also die Freiheit sehr eingeschränkt!).
Die Grenze wird dort gezogen, wo solche Fürsten und Oberen sich anmassen, "ihre Hand und Gewalt an das Wort Gottes und die christliche Freiheit zu legen" und die durch das Evangelium befreiten Gewissen wieder gefangen nehmen wollen in "Gewissensgefängnisse" (betr. Papstgehorsam, Abendmahl, Kloster). "Das steht nicht in ihrem Eid, dass sie über die Seelen und Gewissen der Menschen herrschen sollen; denn sie können das nicht. Sowenig sie wissen, was in der Seele des Menschen vorgeht, sowenig können sie die menschliche Seele beherrschen, rechtschaffen oder böse, gläubig oder ungläubig machen." Auch ein Kaiser kann die Seele des Untertanen nicht beherrschen.
Wer durch die Wahrheit der Lehre Christi befreit ist, d.h., ein erlöstes Gewissen hat, den kann niemand mehr gefangennehmen, auch wenn man ihn zwingen will, anders zu glauben, tut er das nicht. "Denn wir Christen haben eine Regel, eher den Tod zu erleiden, als von der erkannten Wahrheit abzuweichen oder sie zu verschweigen. Darum soll und kann kein Fürst etwas gebieten, das dem Wort Gottes zuwiderläuft, oder dass man das Wort Gottes nach des Menschen Gefallen predigen solle." Hier gilt: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen". - "Sobald nun die Fürsten etwas gebieten, was gegen die göttliche Wahrheit streitet oder diese verbietet, so sollen die, die dem Worte Gottes Glauben schenken, eher den Tod erleiden als davon abweichen." Kämpfen Obere gegen die Wahrheit, kämpfen sie gegen Gott persönlich. Dies als ein "Beispiel, in welchem man der Obrigkeit keinen Gehorsam schuldet." Denn die Obrigkeit soll eine Dienerin Gottes sein, damit das Volk in Frieden und Ordnung leben kann.

So wird auch der Obrigkeit in der ganzen Schrift ernstlich gedroht, wenn sie die Unschuldigen bestraft oder quält. Zwar hat sie ein Recht auf den Zehnten, - ja selbst ungerechte Zehnten und Zinsen sollen bezahlt werden, obwohl die Obrigkeit gegen Missstände und Wucher anzugehen verpflichtet wäre - , aber über das Wort Gottes und die christliche Freiheit ist sie nicht gesetzt wie über das zeitliche Gut (ZwS I,189-193; 202).

Indem der Reformator in solchen Äusserungen der weltlichen Autorität Grenzen setzte, schuf er einen Freiraum für Entscheidungen ausserhalb der Unterordnung unter eine herrschaftliche Gewalt und machte persönlichen Gewissensentscheidungen auch in weltlichen Angelegenheiten Platz.

Schliesslich ist "Freiheit" auch noch für den stolzen Eidgenossen Zwingli ein Thema. So schreibt der Patriot über politische Freiheit:

"Unsere Vorfahren haben nicht aus eigener, sondern aus göttlicher Kraft ihre Feinde überwunden und die Freiheit erlangt." Sie haben "für die Freiheit gekämpft, um nicht mit Leib und Leben, mit Frauen und Kindern der Willkür des frechen Adels ausgeliefert zu sein. Gott ist diesem Freiheitsdrang gewogen. Dies zeigte er schon, als er die Israeliten aus Ägypten führte, da sie von den ägyptischen Königen und vom ägyptischen Volk hart und verächtlich behandelt worden waren." Dass die Eidgenossen siegreich ihr Vaterland schützen konnten (erwähnt werden Morgarten, Sempach, Näfels), war also nicht menschliches Vermögen, sondern göttliche Kraft und Gnade und soll nicht zu Selbstgefälligkeit führen (ZwS I,84-87).

Und nun: Was wurde aus diesen Freiheitsgedanken? Hatten sie Folgen?
Was für Zwingli gilt, kann von der Reformation im Allgemeinen gesagt werden: Ihr Beitrag zu einer persönlichen Freiheit ist zwiespältig: Gewiss hat die Reformation den Bruch mit dem Mittelalter und der hierarchisch geordneten, autoritären Papstkirche zur Folge gehabt und dadurch den Kampf gegen die alten Autoritäten schlechthin ermöglicht - bis hin zum Ungehorsam gegen den Kaiser. Ja, sie hat das Recht zu persönlichen Gewissensentscheidungen errungen, sie hat in vielen Bereichen die Autonomie der kirchlichen und der weltlichen Gemeinden geschaffen und gefördert und religiöse Sekten entstehen lassen, die trotz Verfolgung nicht mehr auszutilgen waren. Die Reformation hat die geistliche Bevormundung durch eine institutionelle Kirche zurückgedrängt.

Aber auf der anderen Seite ist aus ihr auch das Landeskirchentum hervorgegangen, das wesentlich zur Verfestigung der staatlichen Obrigkeit beigetragen hat und das im konfessionellen Zeitalter in seiner Intoleranz gegen andere Konfessionen und gegen die Sekten bis zur Vernichtung der Andersdenkenden gegangen ist. Zwingli hat wie Luther und Calvin für das Recht zum Anderssein gekämpft, wenn es gegen das Alte und für ihre neue Glaubensrichtung ging, aber alle drei waren selber mehr oder weniger intolerant, sei es gegenüber Altgläubigen oder gegenüber neu entstehenden Sekten.

Die Reformatoren haben die Konsequenzen ihrer eigenen Theologie nicht durchgeführt. Die Reformationstheologie stellte einen Ausbruch aus einem geschlossenen System dar, der aber durch die sogleich zurückschlagende autoritär-kollektivistische Struktur des Mittelalters wieder zugedeckt wurde - durch die schnell verfestigte Institution der reformatorischen Staatskirche mit ihrer starken Bindung an die staatliche Obrigkeit.

Dennoch bleibt: Bei Zwingli finden sich Ansätze zur Freiheit des Einzelnen, zu Individualiät und Personalität, wie sie unserm heutigen Verständnis von "persönlicher Freiheit" zugrunde liegen.

Literatur:
Ulrich Zwingli: Schriften. Hrsg. v. Th. Brunnschweiler u. S. Lutz, u.M.v. H.U. Bächtold ... Theol. Verlag Zürich. 1995. (ZwS)

Alfred Farner: Die Lehre von Kirche und Staat bei Zwingli. 1930.

Karlheinz Blaschke: Die Bedeutung der Reformationstheologie für die Ausbildung der Menschen- und Freiheitsrechte. in: P. Bickle, A. Lindt, A. Schindler (Hrsg.): Zwingli und Europa. Zürich 1985.

Berndt Hamm: Zwinglis Reformation der Freiheit. Neukirchener, 1988.)

C.Schnabel am 21. Mai 2000 (bearb.)

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Froschauer

Christoph Froschauer - B. Hubmaier - Täufer

B.Hubmaier, Chr.Froschauer und S. Sorg:
Was führte Balthasar Hubmaier nach Zürich und was wieder aus der Stadt?
Auf seiner Flucht im Dezember 1525 suchte Hubmaier bei den Täufern in Zürich Zuflucht, wurde aber bald entdeckt und verhaftet. Eine Disputation mit Zwingli verlief ergebnislos. Hubmaier verteidigte weiterhin seine Tauflehre. Verschärfter Arrest und Angst vor der Auslieferung machten ihn erst zum Widerruf willig, den er aber zurücknahm, sobald er Zürich verlassen hatte. Nach seiner Ausweisung aus Zürich zog er über Konstanz, Augsburg, Ingolstadt, Regensburg und Steyr nach Mähren und traf im Juli 1526 in Nikolsburg ein.

Wer war nun dieser "Drucker Simprecht Sorg, genannt Froschauer", der ihn auf dieser Reise begleitete? Christoph Froschauer, der nicht nur Zwinglis Schriften verlegte, sondern auch ein enger Freund von ihm war und der trotz ausgiebiger Reisetätigkeit bis zu seinem Tod 1564 Zürich treu blieb - dieser Froschauer war es bestimmt nicht (vgl. Joachim Staedtke: Christoph Froschauer. Zürich, 1964).

Bei Torsten Bergsten: Balthasar Hubmaier (Kassel 1961) ist zu erfahren: Der aus einer bekannten Augsburger Buchdruckerfamilie stammende Drucker Simprecht Sorg war ein Neffe von Christoph Froschauer und kam wahrscheinlich 1524 nach Zürich, wo er bei seinem Onkel arbeitete. Während Hubmaiers Zürcher Aufenthalt im Winter 1525/26 muss Sorg augenscheinlich dessen Anhänger geworden sein, denn er folgte Hubmaier nach Nikolsburg. Aus seiner Werkstatt in Nikolsburg gingen dann etliche Schriften Hubmaiers hervor.

Empfehlenswert: eine Sammlung von übersetzten Quellentexten zur Auseinandersetzung zwischen den Täufern und Zwingli:
Baumgartner, Mira: Die Täufer und Zwingli; eine Dokumentation. Zürich 1993. (Baumgartner gibt die Dokumente mit hilfreicher Einleitung heraus.)

Umfangreiche Literaturangaben zum Täufertum und Zwingli sind z.B. zu finden in:
Locher, Gottfried W.: Die Zwinglische Reformation im Rahmen der europ. Kirchengeschichte (1979): Kapitel "Die Täufer".

Neueren Datums wäre zB:
Grieser, Dale Jonathan: Seducer of the simple folk: the polemical war aganist anabaptism (1525-1540) (Diss. 1993 UMT; 30seitige Bibliographie).

C.Schnabel am 17. August 2000 (bearb.)

Externe Referenzen

Froschauer-Biographie

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Zwingli - der Zürcher Reformator