Sie sind hier: Startseite A bis Z Zwingli Lexikon E Erbsünde

Erbsünde

Erbsünde - bei Zwingli

Zwingli hielt an der traditionellen Unterscheidung zwischen der Erbsünde (peccatum originale) und den Tatsünden (peccata actualia) fest. Für die Erbsünde gebrauchte Zwingli häufig das oberdeutsche Wort „Präst“, ein Kernbegriff in seiner Sündenlehre. Zunächst bezeichnet „Präst“ Gebresten/Gebrechen, Krankheit und allgemeiner alles Mangelhafte und Defekte (unheilbarer Bruch). Die „Präst“ haftet nach Zwingli allen Menschen an und ist durch Adam in die Welt gekommen. Ihr Grund liegt in der Selbstliebe (philantia): Der Mensch wendet sich von Gott ab und kehrt sich zu sich selbst und zum Kreatürlichen hin.

Zwingli vertritt folglich nicht eine dezidierte biologische Übertragung der „Präst“, sondern begründet sie mehr ethisch; der Mensch ist nicht Opfer, sondern persönlich verantwortlich. Der Reformator zielt auf den Ernst der Schuld hin, die jeden trifft und die jeder persönlich verantworten muss.

Die Erbsünde spielt sowohl in der Seins- als auch in der Erkenntnislehre Zwinglis eine Rolle:
1) Die grundsätzliche Verdorbenheit des Menschen, der Zwang sündigen und sterben zu müssen (ontologisch). Der leibliche Tod ist Folge und Bild der „Präst“ (vgl. Kierkegaards „Krankheit zum Tod“).
2) „Der Mensch ist lugenhafft“, blind gegen Gott und seine Offenbarung (noetisch). Zwingli betont diesen zweiten Aspekt gegenüber der Wahrheitssuche eines optimistischen Humanismus.

Die Lehre von der Sünde mündet bei Zwingli ins Evangelium ein. Nach der Diagnose der Krankheit folgt die Behandlung des Patienten: Die Krankheit, bei der es an sich keine Aussicht auf Heilung gegeben hat, kann plötzlich behandelt werden. Es ist ganz unverhofft ein Heilmittel entdeckt worden: das Evangelium. Oder: Der Mensch ist nicht in der Lage, die „Präst“ und die daraus resultierenden Tatsünden persönlich zu verantworten. In dieser Situation kommt Christus, der den Schuldigen mit seiner Schuld verantwortet.

Ch. Scheidegger am 02. August 2001 (bearb.)

Artikelaktionen
Ich suche nach:
Zwingli - der Zürcher Reformator