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Ehe bei Zwingli

Die Ehe bei Zwingli und in der Zürcher Reformation

Die Ehe in der Reformationszeit ist ein Vielfrontenkrieg, den wir hier als Dreifrontenkrieg kurz vorstellen. (Dass eine kriegerische Sprache in ihrem Zusammenhang nicht ganz deplaziert ist, zeigt das Folgende ebenfalls. Anzumerken ist auch, dass der folgende Text nicht von Zwinglis eigener Ehe handelt: seiner Ehefrau ist ein eigener Artikel gewidmet).

Eine erste für Zwingli wesentliche Front ist die Priesterehe. Er forderte sie 1522 und vollzog sie 1524 mit Anna Reinhart. Der Grund für Forderung und Vollzug lag weniger darin, dass Zwingli auch den Priestern - und damit sich selber - ein Grundrecht auf Lust attestiert hätte, weil sie etwas irgendwie "Gutes" sei. Zu dieser Sicht bekannte sich eher Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger, der 1527 schrieb: "Eeliche werck sind one sünd."

Für Zwingli lag der Grund, für die Priesterehe zu plädieren, eher in der resignativen Einsicht, dass der Zölibat zwangsläufig in die impuritas vitae, in die Unreinheit führe. - In diesem Punkt dachte Zwingli - allem Humanismus zum Trotz - wie Luther: Sexuelle Begierde ist nicht gut, aber unvermeidlich (im "Fleisch" des Menschen angelegt, Teil seiner natürlichen Ausstattung sozusagen). Die Begierde also ist gegeben, und die Frage ist lediglich: Wie und wo macht sie sich Luft? - Tut sie es ausserhalb der Ehe, ist es Unzucht. Und eine Weltordnung, die ausgerechnet Priester zur Unzucht zwingt, ist allerdings pervers. - An dieser Front wendet sich Zwingli gegen eine kirchlich-theologische Tradition, die sich weigert, die philosophische und theologische Trivialität zur Kenntnis zu nehmen, dass auch Priester Menschen / Männer sind.

Die reale, nicht auf Priester beschränkte Unzucht aber ist eine zweite, viel breitere Front, an der sich die Ehe bewähren muss. Die (allgemeine) Ehe ist die Form, die die Menschen vor der "huory" (der Hurerei) schützen kann. Die Ehe ist also die alles entscheidende Kategorie, Lust anständig zu machen, oder neudeutsch: sozial zu integrieren und zu kontrollieren. - Indem die politische und kirchliche Führung die Möglichkeit des Begierden-Auslebens strikt auf die Ehe beschränkte, und indem sie diese Ehe wiederum minuziöser Regelung unterwarf, hatte sie den Grundstein zur überschaubaren Ordnung eines von Natur wohl eher unordentlichen Begehrens gelegt. - Die zürcherische Ehegerichtsordnung vom 10. Mai 1525 (kein Text Zwinglis, aber einer, der unter seinem Einfluss entstand) zeigt, wie man sich dies im Detail vorstellen kann: Wer wen heiraten darf, wer gefragt werden muss (Vater, Mutter, Vögte), ehe geheiratet werden darf, und auch: Wie mit Ehebruch und mit vor- bzw. ausserehelichen Begierden umzugehen sei.

Mit Ehebruch ist hart umzugehen ("denn er ouch im alten testament bi versteinung was verbotten", Actensammlung zur Geschichte der Zürcher Reformation in den Jahren 1519 - 1533, hrsg. von Emil Egli, Zürich, 1879, p. 329). Die geforderte Härte ergibt sich nicht allein aus der Vermeidung des Ehebruchs an sich. Die Härte muss sozusagen doppelt sein, weil nur sie verhindern kann, dass die Möglichkeit der Ehescheidung böswillig ausgenutzt wird (dass "niemand ursach suochen, zu einer nüwen e (=Ehe) durch ebrechen ze kummen", a.a.O.): Der Ehebruch wiederum war nämlich der einzige triftige Scheidungsgrund. Also nur der illegitime Bruch der Ehe konnte zu ihrem legitimen Bruch führen. - So zeigt sich nochmals, wie die Ehe zum Bollwerk gegen Unzucht wird: Das einzige, was sie zu Fall bringen kann, ist ihre ureigene Pervertierung zur Unzucht.

Sicher ist es falsch, hinter alledem nur Kontrollabsichten zu vermuten. Es geht den präzisen Vorschriften ebensosehr darum, die Zahl unehelicher, nicht finanzierbarer, nicht gewollter, darum ausgesetzter Kinder möglichst tief zu halten. Es geht also mindestens so sehr um die konkrete Umsetzung einer allgemeinen sozialen Verantwortung.

In der Umsetzung des Zürcher Ehegesetzes geht es allerdings um noch ein Weiteres. Spätestens bei der Frage, wer das alles festlegte, um es später zu beurteilen, bei der Frage also nach Legeferierung und Gerichtsbarkeit, wird deutlich, dass die Ehe drittens ein Kampffeld gegen die Einfluss-Sphäre der "katholischen" Kirche, genauer: des Konstanzer Bischofs war.
Die Gesetze wurden sämtliche in Zürich formuliert. Mit der Einrichtung einer lokalen Ehegerichtsbarkeit (zusammengesetzt aus zwei Pfarrern und vier Ratsherren) war die letzte "fremde" Gerichtsbarkeit gebrochen. Die Stadt Zürich - und prominent wiederum die zürcherischen Kirchenoberen - konnten nun also ihren Begriff von Ordnung, bzw. von Gefährdung durch ungeleitete Lust, auf allen Ebenen durchsetzen.

Damit war strukturell der Grundstein gelegt für das spätere puritanische Regime, auch wenn in Zwinglis Absicht anderes gelegen haben mag. Auch wenn es Zwingli also primär um den Schutz des begehrlichen Menschen vor sich selbst gegangen sein sollte, hat doch seine "Verchristlichung" der Ehe historisch eher die Sittenüberwachung als die Beförderung der Ehe bewirkt.

Matthias Bachmann (bearbeitet)

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Ehefrau

Anna Reinhart, Zwinglis Ehefrau

Während das Leben und Werk Ulrich Zwinglis ganze Bibliotheken füllt, ist über seine Ehefrau nur wenig bekannt. Mehrere Jahre lang hielt Zwingli seine Beziehung zur Witwe des vornehmen Junkers Hans Meyer von Knonau geheim, ehe die beiden 1524 den Bund der Ehe schlossen. Zwingli war damals vierzig Jahre alt, seine Braut dreiundreissig, Mutter dreier Kinder und mit Regula, Zwinglis erster Tochter, erneut schwanger.

Anna Zwingli, geborene Reinhardt, darf als für ihre Zeit durchaus emanzipierte Frau betrachtet werden, auch wenn sie sehr darauf bedacht war nicht aufzufallen. Bereits im zarten Alter von 16 Jahren in die reiche Familie Meyer eingeheiratet, sollen ihr materielle Werte nie viel bedeutet haben. Nach 13 Jahren Ehe verstarb ihr erster Mann, und seine Familie sorgte dafür, dass das Erbvermögen an die drei noch minderjährigen Kinder überging. Als treu sorgende Mutter war Anna Reinhardt im Höfli beim Zürcher Grossmünster lediglich noch geduldet.

Die junge Witwe muss dem neuen Leutpriester Ulrich Zwingli, der Anfang 1519 im Haus nebenan einzog, sogleich aufgefallen sein. Als Lateinlehrer ihres ältesten Sohnes Gerold fand Zwingli bald Gelegenheit, seine Nachbarin näher kennen zu lernen. Seine fortschrittlichen Ansichten in kirchlichen wie gesellschaftspolitischen Fragen werden ihr wohl imponiert haben. Als Zwingli im September 1519 an der Pest erkrankte und wochenlang zwischen Leben und Tod schwebte, war es Anna Reinhardt, die ungeachtet der eigenen Ansteckungsgefahr an seinem Krankenbett sass und ihn mit dem Nötigsten versorgte. Zwingli überlebte, und im Frühling darauf beschlossen die beiden zu heiraten, sobald die Kirchenobrigkeit dies erlaubte und die damals heftig umstrittenen Zölibatsvorschriften lockerte.

Zwingli machte publik, dass das Eheverbot für Priester nicht aus der Bibel abgeleitet werden könne. Er schrieb an die Tagsatzung und den Bischof von Konstanz und flehte ihn förmlich an, den "Priestern, die Brunst leiden", das Heiraten zu gestatten. Die "wilde Ehe" muss auch für seine Braut mit etlichen Unannehmlichkeiten verbunden gewesen sein. Kritiker vom linken Flügel der Reformationsbewegung warfen dem Paar mangelnden Mut vor, weil sie nicht offen zu ihrer Beziehung standen. Vor allem aber hatte Anna Reinhardt den Zorn der einflussreichen Familie Meyer ihres verstorbenen Gatten zu fürchten.

Für Zwingli war die Eheschliessung sicherlich auch ein politischer Akt. Die öffentliche Hochzeit am 2. April 1524 im Grossmünster führte zu einer Spaltung zwischen den Altgläubigen und den Reformierten und machte eine Neuregelung des Zivil- und Eherechts in Zürich notwendig. Es scheint aber dennoch mehr als eine reine Zweckheirat gewesen zu sein. "Nüt ist kostlicher dann d'Lieby", soll Zwingli von seinem neuen Familienglück geschwärmt haben.

Anna Zwingli-Reinhardt gebar kurz nacheinander vier Kinder und besorgte den Haushalt ihres umtriebigen Gatten. Sie zogen in das Haus an der Kirchgasse, das noch heute den Namen "Helferei" trägt. Ganz in diesem Sinne beherbergten sie dort Freunde und Glaubensgenossen sowie zahlreiche Studenten und Bedürftige.

Anna Zwingli vertrat gewissermassen den weniger Aufsehen erregenden weiblichen Teil der reformatorischen Vorstellungen ihres Ehemannes. Obwohl aus reichem Hause stammend, trug sie ihren besseren Stand nicht zur Schau, sondern kleidete und gab sich wie die Frauen gewöhnlicher Leute. Sie erzog auch die Kinder ganz danach, und es ist anzunehmen, dass sie dies nicht aus Unterwerfung, sondern aus eigener Überzeugung tat.

1531, sieben Jahre nach der offiziellen Eheschliessung, wurde Anna Zwingli zum zweiten Mal Witwe. Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger nahm sich ihrer - bis zu ihrem Tod 1538 - an.

Rea Rother (bearbeitet)

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Engel

Engel - bei Zwingli

Die Engel sind in Zwinglis Theologie keine Hauptdarsteller, sondern spielen nur eine Nebenrolle. Besonders in der späten Schrift „Von der Vorsehung“ kommen Engel vor, während sie in den übrigen Veröffentlichungen des Reformators nur selten auftauchen. Mit seiner Entdeckung des Evangeliums hat Zwingli die Engel auf ihren Platz gewiesen. Diesen haben sie zwar bei Gott, doch sind die Himmelswesen für den Glauben nicht von grosser Bedeutung.

Zwingli scheint bei seinen Gedanken über Engel in der erwähnten Schrift vor allem die Frage klären zu wollen, wer Gott und wer der Mensch ist. Er unterscheidet zuerst Gott und Kreatur, Schöpfer und Geschöpfe. Zu den Geschöpfen zählt er solche, die einen Verstand besitzen, und solche, die keinen haben. Zu den Geschöpfen mit Verstand rechnet er Kreaturen mit Körper (Menschen) und solche ohne Körper (Engel; sie sind reine Geister, die jedoch für kurze Zeit eine körperliche Form annehmen können). Beide sind dazu erschaffen, in der Gemeinschaft mit Gott zu leben.

Der Verstand und das Geschaffen-Sein verbindet Mensch und Engel miteinander. Eine Folge davon ist nach Zwingli, dass Irren nicht nur menschlich ist, sondern auch die Engel mit Unwissenheit behaftet sind. Allein Gott ist allwissend und irrt sich nicht.
In diesem Zusammenhang machte der Zürcher Reformator einen Vergleich zwischen dem Fall einiger Engel und dem des Menschen: Vor dem Fall war die Ungerechtigkeit noch nicht da, weil noch niemand gegen das Gesetz verstossen hatte. Engel und Mensch wollten Erkenntnis besitzen; sie wollten wissen, was Gerechtigkeit ist, was aber ohne das Gegenteil gar nicht erkennbar war. Aus diesem Grund haben beide das Gebot übertreten (der Mensch ass die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis im Garten Eden). In dem Augenblick, als sie verfehlten, haben sie das Angesicht der Gerechtigkeit und der Unschuld gesehen, durch deren Gegenteil (Ungerechtigkeit und Schuld) erkennbar gemacht.

Die Engel, die verfehlten, wurden aus dem seligen Wohnsitz gestossen und ins ewige Feuer geworfen. Der Mensch wurde aus dem seligen Haus, dem Paradies, vertrieben und ... An dieser Stelle verläuft die Geschichte des Menschen anders als die der gefallenen Engel; hier setzt das Evangelium ein. Der Menschen wird nicht sofort für ewig verdammt, sondern ihm wird durch Gottes Barmherzigkeit die Tür der Erlösung gezeigt. Daher sagt Zwingli vom Menschen, dass er gegenüber den Engeln bevorzugt sei. An einer anderen Stelle schrieb Zwingli, dass die Schönheit des Menschen sogar diejenige der Engel übertreffe und stimmte einem arabischen Philosophen zu, der den Menschen als das Wunderbarste im grossen Welttheater bezeichnet hatte.

Ch. Scheidegger am 06. November 2001 (bearb.)

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Erbsünde

Erbsünde - bei Zwingli

Zwingli hielt an der traditionellen Unterscheidung zwischen der Erbsünde (peccatum originale) und den Tatsünden (peccata actualia) fest. Für die Erbsünde gebrauchte Zwingli häufig das oberdeutsche Wort „Präst“, ein Kernbegriff in seiner Sündenlehre. Zunächst bezeichnet „Präst“ Gebresten/Gebrechen, Krankheit und allgemeiner alles Mangelhafte und Defekte (unheilbarer Bruch). Die „Präst“ haftet nach Zwingli allen Menschen an und ist durch Adam in die Welt gekommen. Ihr Grund liegt in der Selbstliebe (philantia): Der Mensch wendet sich von Gott ab und kehrt sich zu sich selbst und zum Kreatürlichen hin.

Zwingli vertritt folglich nicht eine dezidierte biologische Übertragung der „Präst“, sondern begründet sie mehr ethisch; der Mensch ist nicht Opfer, sondern persönlich verantwortlich. Der Reformator zielt auf den Ernst der Schuld hin, die jeden trifft und die jeder persönlich verantworten muss.

Die Erbsünde spielt sowohl in der Seins- als auch in der Erkenntnislehre Zwinglis eine Rolle:
1) Die grundsätzliche Verdorbenheit des Menschen, der Zwang sündigen und sterben zu müssen (ontologisch). Der leibliche Tod ist Folge und Bild der „Präst“ (vgl. Kierkegaards „Krankheit zum Tod“).
2) „Der Mensch ist lugenhafft“, blind gegen Gott und seine Offenbarung (noetisch). Zwingli betont diesen zweiten Aspekt gegenüber der Wahrheitssuche eines optimistischen Humanismus.

Die Lehre von der Sünde mündet bei Zwingli ins Evangelium ein. Nach der Diagnose der Krankheit folgt die Behandlung des Patienten: Die Krankheit, bei der es an sich keine Aussicht auf Heilung gegeben hat, kann plötzlich behandelt werden. Es ist ganz unverhofft ein Heilmittel entdeckt worden: das Evangelium. Oder: Der Mensch ist nicht in der Lage, die „Präst“ und die daraus resultierenden Tatsünden persönlich zu verantworten. In dieser Situation kommt Christus, der den Schuldigen mit seiner Schuld verantwortet.

Ch. Scheidegger am 02. August 2001 (bearb.)

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