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Lexikon A

Abendmahl

(Abendmahl) - Eucharistie
Seit dem 1.Jahrhundert der Begriff für das christliche Abendmahl. In der orthodoxen und römisch-katholischen Kirche sowie in der anglikanischen, lutherischen und vielen anderen reformierten gilt das Abendmahl als Sakrament, das die Vereinigung Jesu Christi mit den Gläubigen symbolisiert und herbeiführt.

Die Einsetzung
Traditionell begründet die Aufforderung Jesu an seine Jünger beim Abendmahl, „zu meinem Gedächtnis" das Brot zu essen und den Wein zu trinken, die Einsetzung der Eucharistie. Dieser so genannte Stiftungsbefehl findet sich in zwei neutestamentlichen Berichten über das Abendmahl, und zwar im LukasEV 22,17-20 und im 1. Korintherbrief 11,23-25. In der frühen Kirche war es allgemein üblich, zum Gedächtnis des Herrn eine Mahlzeit einzunehmen, und der Glaube an die Gegenwart Christi beim „Brechen des Brotes" war offenbar weit verbreitet. Aus der Didache, einem frühen christlichen Dokument, in dem die Eucharistie zweimal ausführlich erwähnt wird, und dem neuen Testament geht hervor, dass die Eucharistiefeier sehr unterschiedlich gestaltet und interpretiert wurde.

Die Entwicklung der Abendmahls-Lehre
Zwei Themen kennzeichnen die Entwicklung der Abendmahlslehre: die Frage der Gegenwart Christi sowie der Opfergedanke. Im Neuen Testament wird die Gegenwart Christi bei der Eucharistie nicht erklärt. Die frühen Kirchenlehrer nahmen die Worte Jesu „Das ist mein Leib" und „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, der für euch vergossen wird" (LukasEV 22,19-20) als ausreichende Erklärung für eine wundersame Umwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Jesu Christi. Im Mittelalter wurde unter dem Einfluss der aristotelischen Philosophie eine komplexere Eucharistielehre entwickelt. Nach Aristoteles besitzen alle irdischen Dinge Akzidenzien (Größe, Gestalt, Farbe, Beschaffenheit), die für die Sinne erfahrbar sind, und Substanz, ihre wesentliche Realität, die nur der Geist erfassen kann. Also verwandelt sich die Substanz des Brotes durch die Macht Gottes beim Abendmahl vollständig in den Leib Christi. Diese Interpretation der Gegenwart Jesu bezeichnet man als Transsubstantiation. Sie wurde von dem italienischen Theologen Thomas von Aquin im 13.Jahrhundert formuliert und ist immer noch offizielle Lehre der römisch-katholischen Kirche. Im 16.Jahrhundert bestätigte das Tridentinum die Lehre gegen die protestantischen Reformatoren, ohne dies jedoch in einer weiteren Erläuterung auszuführen.

Die Reformatoren interpretierten das Abendmahl unterschiedlich: Martin Luther lehrte die Gegenwart Christi „in, mit und unter" Brot und Wein (Konsubstantiation). Zwingli leugnete jede wirkliche Verbindung zwischen Brot und Wein und dem Leib und Blut Jesu Christi. Brot und Wein erinnere nur an das letzte Abendmahl Jesu Christi mit seinen Jüngern, wobei keine metaphysische Verwandlung stattfinde.

In den Abendmahlslehren geht es auch um den Opfercharakter des Sakraments, d.h. um die Frage, wie sich das Abendmahl auf das Opfer Jesu Christi am Kreuz bezieht. Nach der traditionellen Lehre der orthodoxen, der römisch-katholischen und der anglikanischen Kirche haben die Gläubigen durch das Abendmahl teil am Opfer Jesu Christi und an dem neuen Bund mit Gott. In der Praxis wurde diese Auffassung zuweilen so interpretiert, als bedeute jede Eucharistiefeier ein neues Opfer und nicht, wie die Kirche offiziell lehrte, eine Anteilnahme am Opfer Jesu Christi. Die Reformatoren hatten generell Bedenken, den Opfergedanken in die Abendmahlsfeier einzubringen.

Matthias Reuter

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Ablass

Ablass(handel)

Ablass (lateinisch Indulgentia) wird der Brauch in der römisch-katholischen Kirche genannt, irdische Sündenstrafen ganz oder teilweise zu erlassen und durch die Erfüllung bestimmter Leistungen wie z. B. von Gebeten oder guten Werken zu ersetzen. Ablass wird von einem kirchlichen Würdenträger gewährt und gilt als eine besondere Form der Fürbitte, welche die Gesamtkirche in ihrer Liturgie und ihren Gebeten um Versöhnung eines lebenden oder toten Kirchenmitglieds leistet.

In der frühen christlichen Kirche erlegte der Gemeindepriester oder der Bischof allen schweren Sündern eine harte Busse auf. Man war der Ansicht, dass Sünder ihre Vergehen zumindest teilweise noch in dieser Welt sühnen mussten und nicht erst in der kommenden. Verschiedene Bussen wurden ihnen zur Sühne auferlegt: Fasten, Pilgerfahrten und andere zeitlich begrenzte, mehr oder weniger schwere Bussen. Schrittweise wurden geringere Andachtsübungen (wie Gebete) oder das Verteilen von Almosen in Verbindung mit Ablässen als gleichwertiger Ersatz für eine entsprechende schwere Busszeit eingeführt.

Erst im 12. Jahrhundert erörterte man theologisch die Frage des Ablasses. Zunächst lehnten viele die Praxis ab, doch gegen Ende des 12. Jahrhunderts nahm die Zustimmung unter den Theologen allmählich zu. Gleichzeitig wurde die Gewährung eines Ablasses in zunehmendem Masse ein Vorrecht des Papstes. Im Mittelalter kam es bei der Gewährung von Ablässen häufig zu Missbräuchen, zum so genannten Ablasshandel. Geistliche verkauften Ablässe, d. h. gewährten sie gegen entsprechende Bezahlung. Zugleich wurde behauptet, dass die Sünden auch ohne persönliche Reue des Sünders mit dem (gekauften) Ablass vergeben seien.

Dieser Missbrauch des an sich gut gemeinten Erlasses von Schuld war mit ein Anlass für die Kirchenreformen, die im 16. Jh zur Reformation führten. Die Reformatoren schafften den Ablasshandel und den Ablass generell ab. Die katholische und die reformatorischen Kirchen gehen seither bei dieser Frage getrennte Wege. Allerdings wird der Ablass in der katholischen Kirche inzwischen etwas zurückhaltender eingesetzt.

Matthias Reuter (bearb.)

Huldrych Zwingli übte eine scharfe Kritik am Ablasswesen, von der er betonte, dass er sie nicht einfach von Martin Luther übernommen habe. Der Zürcher Reformator war natürlich über den Auftritt Luthers gegen den Ablass orientiert, doch fand er nach seinen eigenen Aussagen in Luthers Kritik nur wenig Neues. Zwingli hatte die Ablehnung des kirchlichen Ablasses schon sehr früh von seinem Lehrer Thomas Wyttenbach kennen gelernt und übte wahrscheinlich im Jahr 1518 selber spöttische Kritik, als der Minorit Samson in der Nähe von Einsiedeln als Ablasshändler auftrat. Die Verurteilung des kirchlichen Ablasses tauchte in seinen Schriften immer wieder auf (besonders in der 1523 veröffentlichten "Auslegung und Begründung der Thesen oder Artikel"), stand jedoch nie im Mittelpunkt in den von ihm geführten Debatten.

Ein offizielles päpstliches Dekret in der Form eines Briefes oder Bescheinigung garantierte den Erlass (den Ablass) von gewissen Strafen, die anfänglich mit Bussleistungen im Diesseits (zum Beispiel Almosen, Wallfahrten oder Fasten) verbunden waren. Die mit der Busse verknüpften Werke oder Strafen mussten je nach Fall aber auch im Jenseits geleistet werden, galten dann also fürs Fegefeuer. Deshalb erstreckte sich der Ablass, den man allmählich auch mit Geld erwerben konnte, auf die Strafen im Fegefeuer. Zwingli erklärte übrigens das Fegefeuer weil ohne Zeugnis in der Bibel als nichtexistent.

Erst nachdem der Gläubige bei einem Priester die Beichte abgelegt und die Absolution (Sündenvergebung) erhalten hatte, konnte er den Erlass/Ablass der Strafen erlangen. Der Kirche oblag es, aus dem Schatz der Sühneleistungen, dem Schatz der überzähligen Verdienste von Christus und den Heiligen, Strafnachlässe (Ablässe) zu verteilen. Die Gnade konnte durch diese Praxis zu einer billigen, handelbaren Ware werden: Als der Papst 1506 und 1517 einen Ablass verkündete, entstand ein regelrechter Finanzhandel mit Ablässen, mit welchem die Kirche und verschiedene Zwischenhändler das grosse Geld machten.

Zwinglis Kritik am Ablass
Der Zürcher Reformator verurteilte nicht nur den Missbrauch des Ablasses (besonders das finanzielle Geschäft der Kirche und der Ablasshändler), sondern lehnte den Ablass generell ab. Er wollte primär nicht etwas Bestehendes abschaffen, sondern zum ursprünglichen christlichen Erlass der Strafe zurückkehren. Die christliche Busse ist nach Zwingli nicht die Bezahlung einer Geldsumme oder irgendein frommes Werk, sondern die Reue des Menschen über begangene Ungerechtigkeiten und die Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit. Die Busse lässt den Menschen an seiner fehlenden Gerechtigkeit und Seligkeit verzweifeln, bis er schliesslich zu Christus kommt und bei ihm Ruhe findet, da dieser die Strafe stellvertretend getragen hat.

Zwingli ordnete den Ablass in eine Reihe von kirchlichen Praktiken seiner Zeit ein, die er radikal ablehnte und als falschen Gottesdienst oder eine falsche Religion bezeichnete: "Auf Landstrassen hin und her zu den Heiligenbildern pilgern, Ablassbriefe kaufen, um Lohn beten und singen, Prozessionen veranstalten und in der Kirche die Wände vergolden ... sind reine Heuchelei." Demgegenüber bestehe der echte Gottesdienst darin, seinem Feind zu vergeben, Parteiungen zu meiden, den Finger mit dem man auf die Leute zeigt, gegen sich selber zu richten und seinem Nächsten Gutes zu erweisen.

Ch. Scheidegger am 02. Oktober 2000 (bearbeitet)

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Alkohol

Alkohol - Stellung des 16. Jhds dazu

Eine „Alkoholfrage“ existierte im 16. Jahrhundert nicht. Der Begriff stammt aus dem 19. Jh. und beinhaltete die Frage, was gegen die physische und psychische Abhängigkeit vom Alkohol zur Besserung der Volksgesundheit unternommen werden solle.

Die folgenden drei Punkte liegen der veränderten Wahrnehmung zugrunde:
1. Führte damals ein neues Trinkverhalten zur Problematisierung des damaligen Alkoholismus, der tatsächlich gravierend war: In den Jahren 1880-84 betrug der Pro-Kopf-Konsum an reinem Alkohol in der Schweiz jährlich 14,3 Liter! Zwar war das Trinken von Wein, Bier und gebranntem Wasser auch in der Alten Eidgenossenschaft nichts unbekanntes, doch verhinderten die alten Sittenmandate das Aufkommen einer „Alkoholfrage“. Als sich Freiheit und Demokratie durchzusetzen begannen, wurde die alte Zwangsregulierung abgeschafft und dem neuen Trinkverhalten die Bahn gebrochen. Hinzu kam noch ein neues erfolgreiches Produkt: Nachdem in den 1770er Jahren die Kartoffel in die Volksernährung eingeführt worden war und die Brenntechnologie sich vereinfacht hatte, dehnte sich nach 1815 der Konsum des sogenannten „Härdöpfelers“ in weiten Teilen der Schweiz schnell aus. Besonders unter der Arbeiterschicht fand dieser billige Schnaps grossen Absatz.
2. Trug ein neues, wissenschaftliches Alkoholwissen zur breiteren Problematisierung bei. Der Alkoholismus wurde neu mehrheitlich medizinisch betrachtet, nicht mehr als eine Sünde oder Willensschwäche, sondern als eine Krankheit, die durch Therapien korrigierbar oder durch Präventionen vermeidbar ist.
3. Wurden die sozialen Probleme neu wahrgenommen. Man beobachtete, wie die industriellen Lebens- und Arbeitsbedingungen das Trinken besonders von billigem Schnaps förderten und dadurch viel Elend verursachten.

DER ALKOHOLKONSUM IM 16. JH.
Wein und Bier waren in der Frühen Neuzeit bekannt und verbreitet, während Branntwein zu dieser Zeit kein Genuss-, sondern ein Arzneimittel war. Der Konsum von Schnäpsen setzte sich erst im Verlauf des 17. Jh. durch.
In Zürich wurde zur Reformationszeit wenn überhaupt, dann nur selten Bier gebraut. Jedenfalls gab es keine Bierbrauer in den Zünften, und Bier galt nach dem Bericht eines Chronisten in der Limmatstadt als ein minderwertiges Getränk. Möglicherweise war ein gewisses Konkurrenzdenken Grund für diese feindliche Haltung gegenüber Malz und Hopfen, da Zürich ein traditionelles Weinbaugebiet war (das rechte Zürichseeufer und das Limmattal) und die Winzer ihren Marktanteil nicht an andere verlieren wollten. Über den Zürcher Wein waren die Zeitgenossen geteilter Meinung. Der bekannte Theologieprofessor Petrus Vermigli aus Florenz, welcher von 1556 an für einige Zeit in Zürich wohnte und lehrte, bestellte einmal Stammheimer Wein mit der Begründung, er wolle sich vom Zürcher Wein keinen Nierenstein holen; von allen Zürcher Weinen sei der Stammheimer noch der geniessbarste.

Besonders beliebt war das gruppenintegrierte Trinken von Wein. Als sich im Mittelalter die Handwerker in den Zünften und der Adel in der Gesellschaft zur Konstaffel organisierten, richteten sie sogenannte Trinkstuben ein, ein Ort des geselligen Beisammenseins. Auch die Handwerksgesellen und die Geistlichen in der Stadt hatten ihre Lokale, wo sie zu gemeinsamem Essen, Trinken und zum Spielen zusammenkommen konnten. Und schliesslich gab es noch die Wirtshäuser. In diesen Trinkrunden kam es infolge des Spielens oder anderer Gründe immer wieder zu Streit und Handgreiflichkeiten. ... [Rest verloren]

Ch. Scheidegger am 17. Januar 2001 (bearb.)

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Almosenordnung

Almosenordnung von 1525

Zwingli übte schon früh Kritik an den Kirchen und Klöstern, die sich Bettler und Kranke hielten, nur um selber vor Gott besser dazustehen. Der Hunger und die wachsende Not der Minderbemittelten liessen sich seiner Meinung nach nicht mit "verdienstlichen Werken" bewältigen. Er wollte das Armutsproblem an den Wurzeln packen und griff damit grundlegend auch in die kirchenpolitischen Verhältnisse ein.

"Der Christ gibt nicht, um in den Himmel zu kommen", betonte Zwingli, "der Christ gibt aus Dankbarkeit." Denn im Glauben an Jesus habe er das ewige Heil bereits empfangen. Individueller Reichtum und Armut wurden nach dem neuen Sozialethos der Reformation als Hinweis auf die mangelnde menschliche Gerechtigkeit verstanden. Seine fortschrittlichen theologischen Ansichten predigte Zwingli nicht nur von der Kanzel, er setzte sie auch auf politischer Ebene durch.

Mit Zwinglis Almosenordnung, die im Januar 1525 vom kleinen und grossen Rat gutgeheissen wurde, kam es in Zürich zu wichtigen sozialpolitischen Neuerungen: Fortan waren nicht mehr nur die Kirchen für die Armen- und Krankenfürsorge zuständig. Mit der gleichzeitigen Aufhebung der Klöster floss ein reiches Vermögen in die Staatskassen, was eine grosszügige und umfassende Armenpolitik erlaubte. Die Stadt Zürich wurde zu Sofortmassnahmen gegen das grassierende Hungerleiden verpflichtet. Die vom Rat eingesetzten Armenpfleger sorgten dafür, dass die Unterstützung der Bedürftigen ordnungsgemäss von Statten ging.

Jeden Tag, nach dem Morgenläuten, wurde beim Predigerkloster ein grosser Mushafen bereitgestellt und den Armen in Zürich ein warmes Essen gereicht. Wer das Almosen nicht selber abholen konnte, bekam es nach Hause gebracht. Daneben war auch für Kleidung, medizinische Betreuung und Unterkunft sowie Schulbildung für die Kinder der Minderbemittelten gesorgt. Wer sich der Trunk- oder Spielsucht, der Kuppelei oder Hurerei hingab oder einen sonstwie liederlichen Lebenswandel führte, bekam nichts.

Zwinglis Sozialwerk zielte darauf ab, die Almosenempfänger längerfristig wieder zur Arbeit und einem eigenständigen Leben heranzuziehen. Er wies die jungen, gesunden Bettler an, das viele brachliegende Land neu zu bestellen. Nur so konnte man das Armenelend einigermassen in den Griff bekommen. Ganz bezwingen liessen sich die Gräben zwischen Reich und Arm zwar auch mit Zwinglis Almosenordnung nicht, aber immerhin wurden damit die wichtigsten Grundsteine für das bis heute im Kern unveränderte Sozialwesen gelegt.

Rea Rother

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Amtsverständnis

Amtsverständnis

Zwingli legt sein Verständnis vom Pfarramt in zwei Schriften besonders ausführlich dar: Es sind dies einerseits "Der Hirt" (1524), andrerseits "Von dem Predigtamt" (1525). Auch in "Auslegung und Begründung der Thesen oder Artikel" (1523) geht er kurz auf das Priesteramt ein. Wenn er übrigens von "Priester" oder "Hirt" spricht, redet er vom evangelischen Pfarrer. "Prophet" benützt er als eine geläufige Bezeichnung für den Prediger.

An der Zweiten Disputation, an der mehrere hundert Prediger teilnahmen, predigte er über das Amt. Diese Predigt wurde später unter dem Titel "DER HIRT" veröffentlicht und stellt das neue Berufsbild des evangelischen Priesters / Pfarrers vor Augen. Der Titel fasst den Inhalt wie folgt zusammen: "Der Hirt: Wie man die wahren christlichen Hirten und umgekehrt die falschen erkennen, auch wie man sich ihnen gegenüber verhalten soll". Der wahre Hirte wird beschrieben als einer, dessen Wort nicht seinem eigenen Herzen entspringt, sondern von Gott kommt. Er verzichtet auf weltlichen Herrschaftsstil und gibt mit seinem Leben ein Vorbild. Er hält stand, auch wenn er Fehlschläge und Widerstand erleben muss, und er ist bereit, zu leiden und zu sterben wie der gute Hirte. Sein Lebenswandel unterstützt seine Verkündigung, denn "das lebendige Beispiel ist lehrreicher als hunderttausend Worte". - Das beachtliche Anforderungsprofil in dieser Schrift kommentiert Zwingli selbst mit: "Womit uns klar werden dürfte, dass es nicht menschlicher, sondern göttlicher Kraft bedarf, um ein derart schweres Amt untadelig zu versehen."

Im Zentrum von Lehre und Leben des evangelischen Pfarrers steht die unerschrockene Verkündigung. Die Verkündigung des Wortes Gottes sei das Herz des Pfarramtes. Allerdings sind dabei Prediger und Predigt stets nur Werkzeuge in Gottes Hand.

Der Pfarrer ruft Menschen zur Umkehr und spricht ihnen die gute Nachricht zu, wobei er keinen Unterschied macht zwischen Hohen und Niedrigen und sich nicht auf religiöse Themen beschränkt, sondern sich freimütig auch über Dinge wie Habgier, Wucher, Krieg, das Söldnerwesen und wirtschaftliche Monopole äussert. (Die Vielfalt der Themen kennzeichnet auch Zwinglis eigene Predigten; er geht auf alle Aspekte des täglichen Lebens ein.)

Doch was nützt es, wenn einer selber nicht glaubt, was er predigt, und nicht lebt, was er sagt? Besonderes Gewicht erhält deshalb der Lebensstil und der eigene Glauben des Pfarrers. So wendet sich Zwingli mit Nachdruck gegen die Ausübung politischer Macht durch Amtsträger der Kirche und gegen die Unsitte, aus kirchlichen Ämtern finanzielle Vorteile zu ziehen, und schreibt: "Was konnte dem Christenvolk Traurigeres widerfahren, als 'Hirten' zu haben", die alle Gläubige in Hunger und Zweifel zurückliessen, "weil sie selber nicht glaubten, was sie aller Welt auftischten! Denn: hätten sie es selber geglaubt, sie würden anders gelebt haben". Das Profil des rechten Hirten wird gewonnen am 'Prototypen' des Hirten und vollkommenen Vorbild Christus, der personifizierten Einheit von Lehre und Leben, von Prophetie und Seelsorge.

Als nach der Zweiten Disputation der radikale Flügel der Reformation Auftrieb gewann, sah sich Zwingli veranlasst, erneut sein Verständnis des Amtes, nun in Abgrenzung zu den Täufern, darzulegen. Auch Zwingli trat (theoretisch? in Grenzen?) für das Priestertum aller Gläubigen ein. Die Täufer in Zwinglis Umgebung haben aber den reformatorischen Durchbruch zum allgemeinen Priestertum der Gläubigen als Lizenz zur Errichtung einer völlig freien, amtlosen Kirche verstanden. Diesem Verständnis von Reformation, durch das Zwingli sein Werk in Zürich aufs höchste gefährdet sah, trat er mit seiner Schrift "VON DEM PREDIGTAMT" sofort entgegen:

Kritisierte er an seinen konservativen Gegnern, dass sie Priester und Volk voneinander trennten und dem Priester eine Eigenschaft und Rolle zuschrieben, die er in Wirklichkeit nicht besass, konnte er umgekehrt mit den Radikalen nicht teilen, dass sie die besondere Stellung des ordinierten Amtes leugneten und den Unterschied zwischen Predigern und anderen Gemeindegliedern nicht wahrhaben wollten. Zwingli warf den Radikalen vor, dass sie ohne Erlaubnis in Gemeinden auftraten und dort - jedenfalls aus seiner Sicht - mit ihren Lehren und ihrem Vorgehen Verwirrung und Unruhe stifteten. Massgebend für seine Haltung ist, dass es niemandem zustehe, von sich aus das kirchliche Amt zu beanspruchen. Vielmehr müsse jemand von Gott UND der Kirche dazu beauftragt werden. Gegenüber den Radikalen trat Zwingli auch für eine gründliche Ausbildung (alte Sprachen) und für ein geordnetes und bezahltes Predigtamt ein. Aus der Reihe der Radikalen warf ihm deshalb z.B. Hubmaier vor, er führe ein neues 'Papsttum' ein: Die Abhängigkeit der Kirche von denjenigen, die die biblischen Sprachen beherrschten, sei im Grunde nichts anderes als die frühere Abhängigkeit von Päpsten und Konzilien. Simon Stumpf, ein anderer Vertreter der Radikalen, lehnte die Errichtung vollamtlicher und bezahlter Pfarrämter ebenfalls ab; mehr als die deutsche Bibel und der Heilige Geist seien nicht notwendig, um predigen zu können.

"AUSLEGUNG UND BEGRÜNDUNG DER THESEN ODER ARTIKEL": Artikel 61-63
Hier äussert sich Zwingli gegen den sog. "Character indelebilis" (i.e. für die katholische Theologie das unzerstörbare Merkmal, das die Priesterweihe der Seele einprägt): Wer Priester / Pfarrer ist, bleibt dies nicht unbedingt lebenslänglich, denn er kann, wenn ungeeignet, schlicht abgesetzt werden. Wenn ein Priester entlassen wird, ist er nicht mehr in seinem Amt. Das Priestertum ist also ein Amt, wie z.B. ein Bürgermeisteramt, und nicht eine Würdenstellung oder ein Adelstitel. Somit bedeutet Priestersein nichts anderes, als ein ehrsamer Verkünder des Wortes Gottes und ein Wächter über das Heil der Seelen zu sein. "Ein Priester ist (...) nichts anderes als ein alter (NB: Lebensdaten 1484-1531...), ehrwürdiger, d.h. ernsthafter Mann", der das Wort verkündet. Dazu gehört allerdings einiges: "So lasse ich hier gerne diejenigen Priester sein, die in einer Kirchgemeinde lehren, das Gotteswort verkünden, aus der griechischen und hebräischen Sprache übersetzen, predigen, ärztliche Hilfe leisten, die Kranken besuchen, die Armen unterstützen, ihnen Almosen verteilen und sie speisen; denn dies alles gehört zum Wort Gottes." Bei all diesen Anforderungen ist auch nur folgerichtig: Ein Pfarrer hat das Recht auf einen angemessenen Lebensunterhalt und soll nicht mit Kirchenalmosen dürftig abgespiesen werden, jedoch auch nicht, "den Drohnen in den Bienenkörben gleich", das, was andere erarbeiten, "in aller Ruhe verschmausen".

Die Verbindung von Predigt und Seelsorge, die Aufmerksamkeit für den einzelnen Menschen und die ganze Gesellschaft sowie die Einbettung des Predigtamtes in den Kontext der Kirche statt seiner Stellung über der Kirche - diese Züge gehören zum festen Bestandteil von Zwinglis Amtsverständnis.

Immer wieder hebt er die Notwendigkeit des Predigtamtes als der von Gott gewählten Wirkungsweise hervor. Dabei wirft er auch eine Frage auf, die ihn den Radikalen näher bringt: Könnte Gott nicht die Menschen einfach durch den Geist erleuchten, also ohne einen Prediger / Propheten zu senden? Ohne Zweifel kann Gott ja alles. Doch er antwortet, dass Gott es vorgezogen hat, zu handeln, indem er einen Propheten sandte. Als weiteren Grund fügt er hinzu, dass der Mensch eben kein Engel sei, sondern die Dinge mittels äusserlicher Sinne wahrnehme. Selbstverständlich gilt dabei: Der Heilige Geist ist im Predigtamt durchwegs unentbehrlich. Er muss im Hörer ebenso wirken wie im Prediger; und ohne sein Zutun gibt es keine wirksame Predigt des Wortes Gottes. "Denn wir sind nur Diener. Wir bewirken gar nichts, es sei denn, der Herr wirke inwendig durch seinen Geist."

Literatur:
Huldrych Zwingli Schriften: "Der Hirt", " Von dem Predigtamt", "Auslegung und Begründung der Thesen oder Artikel".
Peter Stephens: "Zwingli: Einführung in sein Denken" (Zürich 1997).

Weiterführende Literatur:
Hans Scholl: "Nit fürchten ist der Harnisch: Pfarramt und Pfarrerbild bei Huldrych Zwingli" in: Zwingliana XIX,1, Zürich 1992, S. 361-392.
Martin Hauser: "Prophet und Bischof: Huldrych Zwinglis Amtsverständnis im Rahmen der Zürcher Reformation" (Freiburg 1994).

C.Schnabel am 17. August 2000 (bearb.)

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Apokryphen

Apokryphen in den Zürcher Bibelausgaben

Die Zürcher Bibel mit Apokryphen (Zürich 1993 [frühere Familienbibel -TN]) enthält 1 & 2 Makkabäer, Judith, Tobit, Jesus Sirach und Weisheit. Geht man vom Trienter Kanon (1546) der katholischen Kirche aus, muss man feststellen, dass Baruch, die Zusätze zu Esther und Daniel, sowie der Brief des Jeremias fehlen.

In der 1868 gedruckten Zürcher Übersetzung finden sich folgende Apokryphen: 1, 2 & 3 Makkabäer, Judith, Tobit, Brief des Jeremias, Baruch, Jesus Sirach, Weisheit, 3 & 4 Esra, die Zusätze zu Esther und Daniel, sowie das Gebet des Manasse. Mit Ausnahme des Gebetes des Manasse entspricht diese Apokryphenliste dem Jerusalmer Kanon (1642) der griechisch- und russisch-orthodoxen Kirchen.

Warum werden in die heutigen Zürcher Bibelausgaben mit Apokryphen nicht alle von ihm und Leo Jud übersetzten Apokryphen aufgenommen?

Jorge Hereth am 31. August 2002 (im Forum, bearb.)

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Arbeit, Arbeitsethik

Arbeit, Arbeitsethik - Europa und USA

„Arbeit ist etwas Gutes, etwas Göttliches“, schrieb Zwingli einmal. Diese positive Bewertung der Arbeit war damals nichts Selbstverständliches. Denn bis zur Reformation verband man mit der Arbeit v. a. Mühe und Last.

Die meisten antiken Philosophen konnten der einfachen Arbeit überhaupt nichts Gutes abgewinnen. So etwa Plato, der im Studium der Philosophie die höchste menschliche Beschäftigung erblickte, die mit gewöhnlicher Arbeit angeblich inkompatibel ist. Auch wenn das Christentum diese negative Einstellung zur Arbeit ablehnte, galt doch während des gesamten Mittelalters, dass Arbeit in irgendeiner Form (vita activa) geringer ist als die Beschäftigung mit Gott (vita contemplativa). Anders als die alten Mönchsorden, die einen Ausgleich zwischen Arbeit und religiösem Leben suchten (das benediktinische „ora et labora“), sollten sich die Anhänger der neuen Orden (Franziskaner u. a.) ganz der religiösen Betätigung widmen und zu einem wesentlichen Teil vom Bettel leben. Zu diesen Bettelmönchen gesellten sich noch weitere Arbeitslose: ein ganzes Heer von professionellen Armen (Bettler, Vagabunden und Kriminelle). Auf der anderen Seite stand der Adel, der sich ausschliesslich mit dem Regieren beschäftigte und die Arbeit sowohl der kleinen Leute als auch der reichen Händler verachtete.

Zwischen der gewöhnlichen Arbeit und anderen Formen menschlichen Wirkens bestand im Mittelalter also ein riesiger Graben. Dieser Graben wurde durch die Reformation zugeschüttet, weil die Arbeit mit der neuen Lehre eine massive Aufwertung erfuhr. Das wird besonders am neuzeitlichen Berufsbegriff deutlich, der auf Martin Luther zurückgeht. Im Mittelalter wurde die Vokabel „vocatio“ (= Beruf) für die klerikale Lebensform gebraucht, etwa der Mönche; sie waren ja von Gott ganz besonders berufen worden. Für Luther oder Zwingli gehörten jedoch alle Christen dem geistlichen Stand beziehungsweise Beruf an, wobei jeder in dem Bereich Gott dienen sollte, in welchen er berufen worden war. Die Stallmagd hatte also einen „Beruf“, wenn sie die Kühe molk und wenn sie mistete, und der Bürgermeister diente Gott genauso wie der Prediger.
Während Huldrych Zwingli die selbstgewählte Arbeitslosigkeit der Bettelmönche mit scharfen Worten verurteilte, lobte er besonders die Handarbeit. Seinen Verwandten im Toggenburg schrieb er: „So oft ich höre, dass ihr von eurer Hände Arbeit lebt, wie es euer Herkommen ist, so bin ich glücklich und sehe, dass ihr den Adel, von dem ihr geboren seid - von Adam -, in Ehren haltet.“

Ch. Scheidegger am 20. Oktober 2001 (bearb.)

CALVIN UND DIE ÜBERSTUNDEN
oder die Arbeitsethik in den USA und in Europa

EINLEITUNG
Die ethische Einstellung zur Arbeit ist selbstverständlich sowohl unter den Deutschen und Schweizern als auch unter den Amerikanern so verschieden wie nur möglich. Diesseits und jenseits des Atlantiks gibt es den Karrieretyp, der ausschliesslich in der Arbeit seine Selbstverwirklichung sucht, wie auch den Aussteiger, der sich dem Druck radikal verweigert, sich über die Erwerbsarbeit zu definieren.
Hier sei auf einige historische Faktoren aufmerksam gemacht, welche für bestehende Unterschiede möglicherweise verantwortlich sind.

NORDAMERIKA
Das protestantische Arbeitsethos führte zu einer neuen Wertschätzung der Arbeit. In der Arbeit wurde die Bestimmung des Menschen gesehen, weil der einzelne mit ihr Gott und dem Nächsten diene. Im Unterschied zu Deutschland, wo die meisten protestantischen Länder vom Luthertum beeinflusst waren, setzte sich in Nordamerika ein stark calvinistisch beeinflusster Zweig des Protestantismus durch. Eine Eigenart des Calvinismus war die auf den Reformator Johannes Calvin zurückgehende Lehre von der doppelten Erwählung der Menschen. Der eine Teil der Menschheit war demnach zum ewigen Heil, der andere hingegen zu ewiger Verdammnis prädestiniert. Ohne definitiv zu wissen, welcher Seite man angehörte, gab es doch äussere Hinweise auf die innere Errettung: Erfolg im Beruf und in der Welt zeigten an, dass man auf dem richtigen Weg war. Das bedeutete harte Arbeit und Verzicht auf Luxus (persönliche Heiligung). Ganz auf die eigene Verantwortung gestellt, wurde auf diese Weise die Heiligung des persönlichen Lebens verfolgt. Die Eigenverantwortung erfuhr noch eine Steigerung, als extreme Calvinisten in England einen von der anglikanischen Kirche unabhängigen Kurs steuerten und sich so plötzlich ausserhalb der Gesellschaft befanden. Da sie mit der Gesellschaft kaum noch verbunden waren, kämpften sie nicht mehr als ganze Gemeinde oder Stadt sondern als einzelne für ein besseres Leben. Weil es für religiöse Dissidenten in der uniformen Gesellschaft von damals keinen Platz gab, wanderten seit dem 17. Jahrhundert viele von ihnen in die englischen Kolonien Amerikas aus. Dort gab es keine Gesellschaft, die auf einem derart ausgeprägten Gemeinsinn basierte wie in der Alten Welt, wo dem Individuum selbst das Glaubensbekenntnis vorgeschrieben war. In der Neuen Welt konnte man sein Leben selber entwerfen; die Möglichkeiten schienen beinahe unbegrenzt. Und so brach man ständig zu neuen Horizonten auf: Es entstand eine ausgeprägte Siedlermentalität.

Eigenverantwortung und Erfolgsstreben, die beide aus der calvinistischen Lehre resultierten, führten zusammen mit der Siedlermentalität längerfristig zu einer Arbeitsmoral, die zwar durch Aufklärung und Liberalisierung grundlegend verändert, aber bis weit in die moderne Zeit nachwirkten: a) Nach wie vor kommt heute der Arbeit eine herausragende Bedeutung zu (Im 19. Jhd. säkularisiert: Verwirklichung des persönlichen Glücks, verbunden mit den bürgelichen Wertvorstellungen von Fleiss und Ordnung. Im 20.Jh.: Selbstverwirklichung und damit identitätsstiftend. Das gilt auch für Europa, kleiner Unterschied: in den USA werden mehr Überstunden gemacht und weniger Ferien eingezogen als in Europa). b) Weitgehend fehlende soziale Absicherung durch den Staat (Eigenverantwortung). c) Jeder arbeitet selber an seiner Ausbildung, die er individuell gestaltet (es gibt keine Berufslehre); die meisten wechseln recht häufig ihren Job (Aufbruch zu Neuem).

DEUTSCHLAND UND SCHWEIZ resp. EUROPA
Demgegenüber trifft man im Europa der frühen Neuzeit (vor 1800) auf anders bestimmte Mentalitäten. Die Gesellschaft war durch die enge Gemeinschaft geprägt. Die Religion wurde von oben, von der Regierung, vorgeschrieben (cuius regio eius religio = wessen Territorium dessen Konfession), das Leben war durch sogenannte Sittenmandate geregelt, und im wirtschaftlichen Bereich waren es die Zünfte, die alles bis ins Detail organisiert hatten. In einigen Territorien war eine relativ grosse Zahl von Männern an der Mitbestimmung der Zünfte und der Obrigkeit beteiligt, so etwa in den Städten des Reichs und in der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Dort besonders galt, dass das Leben gemeinsam angepackt und geregelt wurde. Die Verantwortung lag nicht beim einzelnen sondern bei der Gemeinschaft. Doch nicht allein in den kommunalen Systemen (Städte und Landgemeinden), sondern auch in den Fürstentümern diente jeder mit seiner Arbeit der Gemeinschaft und schlussendlich Gott, und zwar jeder in seinem Stand: Bauer, Zünfter, Adliger und Pfarrer; im alten Europa war innerhalb der Gemeinschaft alles festgelegt, und es gab alles andere als unbegrenzte Möglichkeiten. Zwar veränderten Aufklärung und Demokratie das Gesicht Europas grundlegend; so wurde etwa auch die sehr enge, religiös definierte Gemeinschaft gelockert. Trotzdem wurden auch in den modernen Gesellschaften Europas viele Dinge noch gemeinschaftlich geregelt und nicht einfach der Eigenverantwortung überlassen. Der Sozialstaat und die Berufslehre zum Beispiel sind Ausdruck davon, dass die Gesellschaft eine Mitverantwortung am Wohl und Gelingen des Nächsten trägt. Und dass diesseits des Atlantiks bis vor wenigen Jahren die Erwerbstätigen oft viele Jahre und manchmal fast ein ganzes Arbeitsleben lang in ein und demselben Unternehmen tätig waren, lag vielleicht an der Haltung, seinen Platz in der Gesellschaft einnehmen zu wollen, wie es für das vormoderne Standesdenken ganz selbstverständlich war.

Ch. Scheidegger am 07. Mai 2001 (bearb.)

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Armut

Armut

Schlechte Ernten, Krankheiten und die Teuerung stürzten Anfang des 16. Jahrhunderts weite Bevölkerungsteile der Eidgenossenschaft in die Armut. Viele junge Bauern suchten ihr Glück im Solddienst und kamen oft gar nicht mehr oder krank und verkrüppelt zurück. Ganze Landstücke blieben dadurch unbeackert, was die Nahrungsmittel-Knappheit und Armut weiter verschärfte.

Zürich wurde von eigentlichen Bettlertruppen heimgesucht, die scharenweise die Klöster, Bauernhöfe und Bürgerhäuser belagerten. Die Verelendung und Not, die dabei zum Ausdruck kam, war erschreckend. Die Bettler traten mitunter in straff organisierten und rivalisierenden Banden auf. Behinderte wurden zum Almosensammeln für ganze Familien losgeschickt. Eltern blendeten und verstümmelten gar die eigenen Kinder, um das Erbarmen der Wohlhabenden zu wecken.

Die öffentliche Mildtätigkeit lag bis zur Reformation vollumfänglich im Zuständigkeitsbereich der Kirchen und Klöster. Für sie galt die Versorgung der Almosenempfänger als gutes Werk, womit sie sich Gottes Gnade vor dem jüngsten Gericht sichern konnten. Sie gaben den Bettlern zu essen, Kleider und notfalls auch Unterkunft, was an der zunehmenden Zahl der Hilfesuchenden jedoch kaum etwas änderte.

Rea Rother

In den Schriften Zwinglis treten die Armen meist als positives Gegenstück zur heuchlerischen Armut von Mönchen und Priestern in Erscheinung. Der falschen Armut von Kirchen und Klöstern stellt Zwingli die wahre Armut der Bedürftigen und Kranken entgegen. Mehrmals nennt er sie "die lebendigen Bilder Gottes" oder "die wahren Bilder Gottes", eine Formulierung, die auch in den Staatsakten wieder auftaucht. In einer Zeit, in der alle äusseren Zeichen der Frömmigkeit wie Kirchenschmuck, Bilder und Wallfahrten verworfen wurden, blieben die Armen die wahren Bilder Gottes. Die Armen waren nicht Kern eines konkreten Anliegen Zwinglis, sondern Bild für den selbstlosen und nicht auf Äusserlichkeiten bedachten neuen Glauben von Gottes Gnaden. Nicht verwunderlich ist deshalb, dass sie auf den zeitgenössischen Titelseiten dreier Schriften Zwinglis auftauchen: "Der Hirt", "Wer Ursache zum Aufruhr gibt" und "Eine Antwort gegeben gegenüber Valentin Compar" sind alle mit Holzschnitten oder Kupferstichen versehen, die Christus inmitten der Armen und Kranken zeigt, oder im Bild gesprochen, die reformierte Gemeinde, wie sie Zwingli predigte.

Aus dieser symbolischen Bedeutung der Bedürftigen folgte in der Realität der Almosenordnung von 1525 die Übergabe von Kirchengut und die Ablösung von Pfründen zugunsten der Armen. Zwingli hat dieses Vorgehen mit dem Verweis auf die Armut Christi und die frühchristliche Tradition, nach der alles Kirchengut den Armen gehörte, immer wieder gefordert. Er verlangte konkret, den Kirchenschmuck und die überschüssigen Einkünfte und Vermögen der Kirche (will heissen: was nicht für die Grundversorgung der Geistlichen verwendet wurde) den Bedürftigen zu übergeben sowie die Klöster in Herbergen für die Armen zu verwandeln. Die nähere Verwendung dieser Mittel lässt Zwingli allerdings im Dunkeln und begnügt sich meist mit der allgemeinen Formulierung, dass sie den Armen übergeben werden sollen. Für Zwingli ist nicht entscheidend, was der Reichtum der Kirche am neuen Ort helfen kann, sondern was er am alten Ort geschadet hat. Zwingli meint also nicht in erster Linie die vielen Armen und Bettler, denen er täglich begegnete, sondern die Armen als "wahre Bilder Gottes", die als einzige ihr Schicksal noch frei von Gott empfangen.

Noch ein Wort zur Almosenordnung von 1525: Diese stammt nicht von Zwingli; höchstens inspiriert hat er sie. Wie bereits gesagt, äusserte sich Zwingli nie konkret zur Praxis der Armenfürsorge.

Michael Funk am 13. Juni 2002 (Forums-Beitrag ETH, bearb.)

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Asper

Asper, Hans - Zwingli-Porträt

Hans Asper:
* 1499, gestorben 1571, beides in Zürich.

Erfolg hatte Asper in zwei Funktionen: Als Porträtist und Dekorationsmaler. Als Porträtist war er vermutlich von Holbein beeinflusst.

Als Dekorationsmaler brachte er es zum offiziellen Stadtmaler: er durfte Zifferblätter gestalten und vergolden, blecherne Fahnen auf Türmen und Brunnenfiguren bemalen, etc.

Heute ist sein Name vor allem mit seinen rund 30 Porträts von bekannten (reformierten) Zürcherinnen und Zürchern verknüpft. Das Zwingli-Bild dürfte das berühmteste in Aspers Oeuvre sein. Auffällig ist, dass Zwinglis Hauptaccessoire die Bibel ist, an die er sich schon beinah klammert, - insofern, als es doch sehr wortzentriert wirkt - wortzentrierter, als es der wirkliche Zwingli war. Der wirkliche Zwingli ist 1531 gefallen, und es gibt Quellen, die behaupten, das Bild stamme aus eben diesem Jahr und sei das einzige "echte" Porträt Zwinglis (alle anderen - sofern sie erhalten sind - sind später entstanden). (Für diese Datierung spricht sich z.B. aus: "Schweizer Lexikon 91" in 6 Bd, Band 1, p. 271f, Verlag Schweizer Lexikon, Luzern, 1991).

Es gibt allerdings auch die entgegengesetzte These, dass es von Zwingli überhaupt keine Porträts gibt, die zu Lebzeiten entstanden sind. Ob das mit einem Widerwillen Zwinglis gegen das Gemaltwerden zu tun gehabt haben könnte oder ob die "echten" Porträts einfach verloren gegangen sind, muss vorläufig offen bleiben.

Matthias Bachmann am 4. Oktober 1999 (bearbeitet)

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Ausstellung

Ausstellung zu Zwingli

Wollte man bis vor kurzem den Spuren Zwinglis im heutigen Zürich nachgehen, musste man mit dem Zwinglidenkmal vor der Wasserkirche und einem Helm, den der Zürcher Reformator in der Schlacht bei Kappel getragen haben soll und der nun im Schweizerischen Landesmuseum beim Hauptbahnhof ausgestellt ist, vorlieb nehmen. Doch bekam die Reformation in Zürich vor wenigen Jahren endlich einen Ort der Erinnerung, eine dauernde Ausstellung zu Zwingli und anderen wichtigen Personen jener Zeit. Die Ausstellung ist im Kreuzgang des Theologischen Seminars untergebracht, das sich direkt ans Grossmünster anschliesst. Der Eingang befindet sich auf der Seite des Zwingli-Platzes.

Ch. Scheidegger am 22. November 2000

Referenzen (www.zh.ref.ch)

Zwingli-Rundgang

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Kirchensteuer-Initiative: NEIN

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Zwingli - der Zürcher Reformator